Heimatverein Hartefeld Vernum e.V.

 

 Rund um den Kirchturm

2021-09-15

Nahversorgung Gestern und Heute

vor 1959: Jakob Roeling mit seinem Milchwagen


Seit Jahrzehnten bemerkt man in unseren Ortschaften, dass Lebensmittelläden, Post- und Bankfilialen schließen. Bundesweit hat sich z.B. die Zahl der Lebensmittelgeschäfte von 1990 bis 2010 mehr als halbiert. Kleine Läden, die insbesondere ländliche Orte versorgen, sind fast verschwunden, während die verbliebenen Märkte immer größer wurden. Gleichzeitig konzentrieren sich meist mehrere Anbieter in den ländlichen Zentren. In den Orten unter 5.000 Einwohnern, die für die großen Lebensmittelketten kaum interessante Standorte bieten, fehlen oft fußläufig erreichbare Angebote.

Das Kalenderblatt 2000 des Heimatvereines Hartefeld Vernum e.V. beschreibt wie früher die Nahversorgung funktionierte:

Der Milchmann

Kurz nach dem 2. Weltkrieg war es üblich, Waren des täglichen Bedarfs, wie Obst, Gemüse, Backwaren u.v.m. auf einen Wagen zu laden um diese im Straßenverkauf anzubieten.

So wie der Eismann heute noch gelegentlich in unserer Ortschaft kommt und mit einer Glocke auf sich aufmerksam macht, so machte sich früher in den Städten und Dörfern der Gemüsemann, der Bäcker, aber auch ein Lumpensammler und viele andere Handelsleute auf sich aufmerksam. Einer dieser „fahrenden Händler“ der durch unser Ort kam war der „Milchmann“ Jakob Roeling, geb. 22.12.1928 in Berendonk, verheiratet mit Magarete Pasch, geb. 27.04.1936 in Walbeck.

In Lüllingen war er in einer Molkerei tätig und hatte sich als Buttermeier, mit dem zweimaligem Gewinn des NRW-Wanderpokals, als Auszeichnung für die Herstellung von  Deutscher Markenbutter, in den Jahren 1953 und 1954, einen Namen gemacht. Bei einem Obermeierlehrgang auf der Molkereifachschule in Krefeld 1954 lernte Jokob Roeling den damaligen Geschäftsführer der Molkerei Hartefeld Hans van de Kamp kennen. Dieser suchte für das neue Süßrahmbutterungsverfahren, das s.g. „Fritz-Verfahren“  (benannt nach seinem Erfinder und Konstrukteur Dr. Ing. Fritz), eine Fachkraft. Im Frühjahr 1955 trat dann Jakob Roeling seinen Dienst als Buttermeier in Hartefeld an. Da aber die Herstellung der Butter erst zum Nachmittag hin durchgeführt wurde, war der Buttermeier morgens nicht so recht ausgelastet.

Die damalige Gemeindeverwaltung, unter Leitung von Richard Bonnen, suchte für die Ortschaften Hartefeld und Vernum einen Milchmann. Diese Gelegenheit nahm Jakob Roeling war und bewarb sich um die Konzession, die er dann auch von der Gemeindeverwaltung erhielt. Bürgermeister Peter Wilms stellte Jakob Roeling den Hartefeldern und Vernumern als Milchmann vor.

Zu dieser Zeit verkauften Hennings und „Mostert Henneken“ Milch aus Milchkannen an denen ein Litermaß hing. Einige Bürger ahnten schon den sich vollziehenden Strukturwandel, denn anders sind folgende Redensweisen nicht zu erklären, die bei der persönlichen Vorstellung des Milchmannes fielen. Einer sagte: „.... komisch, dat tugelopene Volk, die modden ett hier maeken, kos datt nie enne van oss Jonges dun. ....“; oder eine andere: „.... hörrens, welst do wirklich, met en Töt kalde Melk on enne Buel warm Waeter, newen de Düren lope!......“

Mit seinem für 1800,- DM bei Simpelkamp in Krefeld gebraucht gekauften 3 Rad-Tempo verkaufte Jokob Roeling anfangs 138 l Milch. Langsam wurde der Milchverkauf zu seiner Haupttätigkeit. 1959 heiratete er und zog in den Neubau auf dem Neuhausweg 8 ein. Das Kinderzimmer wurde als Verkaufsraum mit Gemüse- und Fleischtheke umfunktioniert. Inge Heimes und Gertrud Jordan fanden hier als festangestellte Verkäuferinnen eine Tätigkeit.

Zwischenzeitlich hatte Jakob Roeling sein Fahrzeug gegen einen Tempo-Viking getauscht. Um 1960 übernahm er vom scheidenden Milchmann in Sevelen dessen Milchbezirk und schließlich 1963 wurde das Milchgeschäft auf das Barbara-Gebiet ausgedehnt. 1966 wurde das Verkaufssortiment erweitert, dazu wurde ein neuer Mercedes-Benz für 42000,- DM angeschafft. Auf seinen Verkaufsfahrten erlebte Jokob Roeling viele lustige Situationen, u.a. kaufte er von einem Gartenbaubetrieb in Vernum 4 Kisten a 12 Blumenkohlköpfe, das Stück für 0,98 DM, auf. Da aber die Hausherrin des Gartenbaubetriebes für das Mittagessen Blumenkohl eingeplant hatte, dieser aber nicht mehr aufzufinden war, kaufte sie bei Jokob Roeling drei Blumenkohlköpfe, das Stück für 1,48 DM. Als der Handelsweg des Blumenkohls im Hause des Gartenbaubetriebes bekannt wurde, da ........ .   

1974 gab Familie Roeling ihren „stationären Verkauf“ auf den Neuhausweg auf. Mit der Einführung der Tütenmilch Anfang der 70-iger Jahre ging der „mobile Milchverkauf“ von 585 l Milch pro Tag stark zurück. Auch hier führte der Wandel der Zeit dazu, daß der Milchmann Jakob Roeling 1990 seine Fahrten einstellte.

Werner Kiesel   

In 1992 gab es in Hartefeld noch das Lebensmittelgeschäft Schreurs, die Bäckerei Janssen oder Straeten, die Metzgerei van den Brand, die Filialen der Volksbank und der Sparkasse sowie eine Poststelle. Auch gab es zu dieser Zeit noch einige Bauern, die ihre Produkte über den Hofverkauf  anboten.  Heute kommt einmal in der Woche Samstags der Gemüsehändler sowie der Bäcker aus Lüllingen mit seinem Verkaufswagen zum Marktplatz. Ansonsten kaufen die Hartefelder, Vernumer und Poelyker nicht mehr an ihrem Wohnort ein. Denn sie sind heutzutage viel mobiler als vor einigen Jahrzehnten und ihre Ansprüche an Preis und Auswahl sind gestiegen. Deshalb sind sie trotz des ausgedünnten Angebotes mit ihrer Versorgungssituation relativ zufrieden. Probleme bestehen insbesondere für die nicht-automobile Bevölkerung, die zumeist auf die Unterstützung von Familie und Nachbarn angewiesen ist.

Werner Kiesel


2021-09-01

Das Sattler- und Polstererhandwerk


1949 Heinrich Heimings hinterm Haus Nr. 166a (Hartefelder Dorfstrasse)


Kein ausgestorbener Beruf, aber ein sehr stark verändertes Handwerk.

Wenn früher auf dem Hof der Sattler gerufen wurde, meist im Herbst, wenn die Ernte eingebracht war, ging es nicht um einen schicken Dressur- oder Springsattel für die Tochter, den Sohn des Hauses, es ging darum, das Arbeitsgerät Zuggeschirr auszubessern, Teile einzufügen, das Kummet neu aufzupolstern, damit die Pferde keine Druckstellen bekamen. Dieses war alles Handarbeit und erforderte, besonders auf großen Höfen, die mehrtägige Anwesenheit des Sattlers. Natürlich legte der Sattler, der neben seinem Lohn eine Vollverköstigung bekam, großen Wert darauf, dass er am Tisch des Bauern und nicht am Gesindetisch verköstigt wurde. So vergingen Herbst und Winter. Die fetten Monate des Sattlers.                                                                                                                                Mit Beginn des neuen Arbeitsjahres mussten die Zuggeschirre fertig sein und der Sattler wurde nur noch für zwingende Reparaturarbeiten benötigt. Jetzt kam die Zeit des zweiten Standbeins, die Fertigkeit zu polstern und Matratzen zu bauen. Wer immer es sich leisten konnte, tauschte den Strohsack gegen eine Kastenmatratze. Die dreiteiligen Matratzen mit Kopfkeil kamen erst später. Auch das mehrsitzige Sofa in der guten Stube und vielleicht sogar Polsterstühle wurden nicht entsorgt, wenn sie durchgesessen waren, sie wurden wieder aufgebaut. Bis in die 50ger Jahre konnte ein Sattler und Polsterer hiervon leben.

Kalenderblatt April 1998

Obwohl der Beruf des Sattlers in der Vorkriegszeit ein besonders wichtiger war, ist die Recherche über die Sattler in Hartefeld / Vernum sehr schwierig, da die uns bekannten Sattler keine Nachkommen hatten.

Im Haus 166a lebte eine Familie Deckers die aus Sevelen nach Hartefeld kamen. Jeann Deckers, geb. 21.7.1875, gest. 17.10.1946 arbeitet hier als Sattler und Polsterer. Da die Familie keine lebenden Nachkommen hatte, nahmen sie Johannes Minten aus Sevelen, geb. 30.09.1912, als Pflegekind an. Dieser erlernte das Handwerk bis zum Sattlermeister übte diesen Beruf aber nicht aus. Er fiel im November 1943.

Vermutlich durch den Tod des vorgesehenen Nachfolgers übernahm Mattias Porten, geb.  14.07.1901, vom Waerder-Hof (der große Porten) die Sattlerei, er hatte im Alter von 42 Jahren nach einem Unfall den Beruf des Sattlers und Polsterers erlernt. Er starb am 17.11.1947.

Den Beruf des Sattlers führte von da ab Heinrich Heimings, geb. 24.08.1919 in Issum, verheiratet mit Christine Porten, aus. Nach der Lehre in Winnekendonk hatte er zunächst in Straelen gewohnt und mehrere Jahre in Pont gearbeitet. Durch den Wandel der Landwirtschaft vom Pferd zum Traktor war dem Sattlerhandwerk die Existenzgrundlage entzogen. Zwar fand er noch Arbeit als Polsterer und renovierte das auf allen Bauernhöfen vorhandene dreisitzige Sofas oder die Kastenmatratzen jedoch war der Ort zu klein, um einen jetzt hauptberuflichen Polsterer zu ernähren. 1952 verlegte er den Betrieb nach Krefeld-Hüls.

Günter Wochnik

Soweit die Erinnerungen von H. Heimings.

In den letzten Jahrzehnten wurde der Reit- und Fahrsport neu entdeckt. Das Angebot ist riesig, Westernsättel, Töltsättel, klassische Sättel, Fahrgeschirre für Gelände und Dressur, Pony bzw. Großpferde, Zubehör, ein boomender Wirtschaftszweig, der mit der Nachfrage ausgelastet ist. So gibt es in Geldern auch wieder einen gelernten Sattlermeister. Die damals sinnvolle Kombination mit dem Polsterer, konnte man doch die Materialien von Zuggeschirr und Sofa / Matratze austauschend weiterverwenden, ist nicht mehr gegeben. Polsterer sind heute gesuchte Spezialisten für das Restaurieren antiker oder besonderer Sitzmöbel, teils von künstlerischem Wert. Vielleicht sind Polsterer noch in der Entwicklungsabteilung großer Matratzenhersteller tätig, heißen dann aber mit Sicherheit anders. Ein Alltagsbedarf besteht wohl nicht mehr. Ich glaube nicht, dass heute noch jemand freiwillig eine dreiteilige Matratze mit Sprungfedern kauft oder die von Oma aufarbeiten lässt, wenn ein riesiges, verwirrendes Angebot an Mehrzonen-Matratzen mit unterschiedlichen Härtegraden für unterschiedliche Körpergewichte besteht.

Günter Wochnik


2021-08-21


30 Jahre Heimatverein Hartefeld-Vernum e.V.

Allee der Festkettenträger im August 2012

Es war der 13.05.1991, an dem der Heimatverein Hartefeld-Vernum gegründet wurde und die Satzung des Vereins angenommen wurde. Eingeladen zu dieser Versammlung hatte der damalige Ortsvorsteher Willi Görtz, nachdem schon in vorbereitenden Versammlungen von einigen Interessenten der Entwurf einer Satzung erarbeitet worden war. Schon einen Monat später fand am 21.06.1991 die erste Mitgliederversammlung statt, auf der der erste Vorstand gewählt wurde. Mit großem Elan ging es an die Arbeit. 

Im Heimatkalender 2001 wurde die nachfolgende Kurzchronik veröffentlicht.

Kalenderblatt 2001 Mai


Noch im Gründungsjahr gab es also zum Satzungsschwerpunkt Historie den ersten öffentlichen Vortrag, und der erste Heimatkalender wurde schon herausgebracht, wenn auch die Idee und das Format von Werner Terlinden beigesteuert wurden, dem damaligen Herausgeber unserer Lokalzeitung. Der Kalender war 15 Jahre der Schwerpunkt des Arbeitskreises Historie und erfreute sich großer Beliebtheit. Mit seinen alten Bildern und Geschichten lieferte er viele Informationen über das Leben in unseren Ortschaften in vergangenen Zeiten. Mit dem gleichen Ziel hat der Heimatverein unter dem Titel „Lang, lang ist`s her…“ 3 Chroniken herausgebracht, erstens über unsere Schule, zweitens über die Molkerei und drittens über die 150-jährige Geschichte des Familienunternehmens Soesters im Jahre 1998. Eine Chronik über unsere Kirchengemeinde konnte aus verschiedenen Gründen bisher nicht verwirklicht werden. Die wichtigsten historischen Vorträge waren 1995 der von H. Bosch über den Untergang Gelderns am Aschermittwoch 1945 und 2004 der von Herrn Sommer über die Vogtei Geldern. Ein 2005 fest eingeplanter Vortrag des Kreisarchivars Tekath fiel aus, weil dieser kurz vorher plötzlich verstorben war.

Es wurde aber auch immer schwieriger passende Themen, alte Fotos oder interessante Ausstellungsstücke zu finden, wie sie z.B. unser Mitglied G. Treeker 2001 mit „Omas Waschtag“ zum 800-jährigen Jubiläum in Vernum gezeigt hat. Als der Sprecher des Arbeitskreis Historie W. Görtz dann krank wurde, musste auch mit der Ausgabe 2006 der Heimatkalender eingestellt werden, und der Arbeitskreis ruht seitdem, trotz Bemühungen des Vorstands, diesem eine neue Struktur zu geben. Inzwischen sind etliche, die sich anfangs sehr im Arbeitskreis Historie engagiert haben, verstorben.

Seit 1992 existiert auch schon der Arbeitskreis Dorfgestaltung, der sich um einen weiteren Satzungsschwerpunkt kümmert. Unter dem Motto „Unser Dorf soll schöner werden“ wurden ab 1993 Blumenampeln aufgehängt, erst nur in der Dorfstraße, nach und nach auch in den anderen Straßen und in Vernum. Nach anfänglicher Begeisterung stellte sich nach etwa 10 Jahren mehr und mehr eine gewisse Gießmüdigkeit ein. Nach Befragung der Anwohner wurden 2005 in einigen Nebenstraßen keine Blumenampeln mehr aufgehängt. Seit 2013 gibt es Blumenampeln nur noch im Zentrum von Hartefeld, und diese werden von einem Gießteam des Heimatvereins gepflegt.

Als erstes größeres Projekt wurde das „Dreieck bei Kröll“ umgestaltet und 2001 mit dem darauf errichteten „Stein der Zusammengehörigkeit“ der Bevölkerung übergeben. Der Stein symbolisiert eine weitere Aufgabe des Vereins, nämlich die Zusammengehörigkeit unserer Ortschaften Hartefeld und Vernum zu fördern.

Das größte Projekt zur Dorfgestaltung ist bisher die Bürgerwiese mit der Allee der Festkettenträger. Begonnen hatte es 1997 mit Planungen für einen Bürgerpark an der Friedhofstraße, der sich 1998 erledigt hatte durch den Bau des Städtischen Kindergartens. Stattdessen beteiligte der Heimatverein sich dann aktiv an den Diskussionen und Planungen zum Dorfentwicklungsplan und der Organisation des Dorfaktionstages 1999 mit der Vorstellung und Unterschriftenaktion für die Bürgerwiese und die Allee der Festkettenträger. Die Boulebahn und die beiden angrenzenden Hütten wurden komplett vom Heimatverein beigesteuert und waren bei der Übergabe der Bürgerwiese am 17.05.2003 fertig. Seitdem gibt es im Heimatverein auch eine Boulegruppe, die sich wöchentlich zum Boulesport trifft und sich gelegentlich auch mit anderen Vereinen misst.

Ein Jahr später konnte der erste Abschnitt der Allee der Festkettenträger auf der Westseite der Bürgerwiese angelegt werden. Nach dem Konzept des Heimatvereins wurden kleine Stelen aus Edelstahl mit einer Bronzeplakette für den jeweiligen Festkettenträger neben den vorhandenen Bäumen aufgestellt. Zur Kirmes 2004, bei der das 50-jährige Bestehen der Vereinsgemeinschaft Hartefeld-Vernum-Poelyck gefeiert wurde und an der sich der Heimatverein zusammen mit den Pfadfindern und dem Chor beteiligte, wurde dieser Abschnitt der Allee der Festkettenträger feierlich übergeben.

Für den zweiten Abschnitt der Allee bedurfte es einige Jahre zäher Verhandlungen mit der Stadt Geldern, bis diese endlich den Auftrag aus dem Dorfentwicklungsplan ausführte und den 5 Meter breiten Streifen östlich der neuen Bebauung Am Schmaelenhof kaufte und dem Heimatverein 2009 nach dessen Zusage der zukünftigen Pflege zur Gestaltung überließ. Der Heimatverein machte mit Unterstützung auch von anderen Vereinen und Anliegern die Graseinsaat, das Anlegen der Ergotherapeutischen Felder, die Baumbepflanzung und das Aufstellen der Stelen mit Plaketten, einschließlich eines Sonderfeldes für die Drachentöchter. Am 29.05.2011, im Jahr des 20-jährigen Bestehens des Heimatvereins, wurde der zweite Teil der Allee der Festkettenträger feierlich der Bevölkerung übergeben, die diesen Spazierweg auch gut angenommen hat. Inzwischen sind weitere zehn Jahre vergangen, aber eine Fortführung der Allee nach Norden oder Süden ist noch nicht in Sicht. Der Heimatverein wird sich aber weiterhin bei der Stadt dafür einsetzen, dass bei der Planung von Bebauungen die Ortsrandbegrünung in der Form wie die Allee der Festkettenträger dabei berücksichtigt wird. Nach wie vor sorgt er für die Pflege und erhöht mit dem Pflanzen von Blumen, z.B. ca. 40 000 Krokuszwiebeln, sowie dem Aufstellen von Spielgeräten die Attraktivität der Allee.

Der Heimatverein bietet also auch etwas für die jüngsten unserer Gesellschaft. So hat er sich in den letzten Jahren um bessere Spielmöglichkeiten für Kinder gekümmert. 2018 wurde daraufhin der Spielplatz in Vernum überarbeitet, zu dem der Heimatverein eine Kleinkinderschaukel beisteuerte, so wie ein Jahr zuvor schon die Federwippen am Vernumer Brunnen und auf der Allee der Festkettenträger. Das Highlight für die Kinder ist und bleibt aber seit fast 30 Jahren das Christbaumschmücken vor dem 1. Advent. Das erste Mal fand es schon 1992 statt, in den ersten Jahren am Samstagmorgen mit Erbsensuppe, seit 2003 am Freitagabend mit Würstchen und Glühwein. Nach einem Vorprogramm in der Aula der Schule, zuletzt in der Kirche, schmücken die Kinder den Baum, indem sie mit Hilfe der Drehleiter der Feuerwehr ihre selbst gebastelten Pakete und Bilder in den Baum hängen. Die Eltern und die anderen Gäste können sich derweil einen Glühwein und andere Leckereien gönnen. Nachdem das Event 2016 wegen Personalmangel des Heimatvereins ausfallen musste, konnten im Jahr darauf etliche Eltern zur Mithilfe gewonnen werden, und so wurde es mit großem Erfolg fortgesetzt, bis es 2020 wegen der Corona Pandemie ausfallen musste. Der Baum glänzte aber trotzdem mit selbstgebasteltem Schmuck der Kinder.

Um die Heimat kennen zu lernen bot der Heimatverein immer wieder auch Besichtigungen von Betrieben, Einrichtungen, Bauernhöfen etc. bei uns in den Ortschaften oder der näheren Umgebung an. Oft waren es an den Familientagen des Heimatvereins Ziele, die als Fahrradausflug durchgeführt wurden, einige aber auch mit Bus oder PKWs. Besonders zu erwähnen sind unsere Busreisen nach Papenburg zur Meyer-Werft und nach Andernach zum Kaltgeysir. Die vielen kleineren Ausflüge können hier nicht alle aufgeführt werden, sie waren aber genauso schön und wichtig für unsere Mitglieder zum Kennenlernen unserer Heimat und deren Historie, beispielhaft genannt Stadtführung Wachtendonk, Plaggenhütten Bönninghardt, Freilichtmuseum Grefrath und die Mühlen in Walbeck und Issum. Gewöhnlich waren die Ausflüge mit gemütlichem Kaffeetrinken oder einem Grillabend verbunden, denn die Geselligkeit sollte dabei nie zu kurz kommen. Den Höhepunkt der Feiern genossen die Mitglieder 2016 beim Dinnerabend zum 25-jährigen Bestehen mit einem mehrgängigen Menü und Unterhaltungsprogramm.

Wie in den Ausführungen zum 10-jährigen Bestehen erwähnt ist der Heimatverein der jüngste Verein unserer Ortschaften. Zur Vereinsgemeinschaft Hartefeld-Vernum-Poelyck gehört er seit 1993, dem Jahr, in dem er auch ins Vereinsregister eingetragen wurde. Seine Mitglieder nahmen und werden auch zukünftig nach Kräften am Dorf- und Vereinsleben teilnehmen. Mit 108 Familien hatte der Heimatverein 2001 die größte Mitgliederzahl, aktuell sind 77 Familien bzw. Haushalte gelistet, noch 7 davon seit der Gründung. Seit März 2020 ist der Verein, wie fast alle anderen Vereine auch, in Zwangspause wegen der Corona-Pandemie, wobei natürlich alle notwendigen Arbeiten wie Blumenampeln, Pflege bei Kröll und auf der Allee sowie Pflanzen von Blumenzwiebeln, Erneuerung eines Insektenhotels, Christbaumschmuck etc. in kleinen Gruppen durchgeführt wurden. Es gibt aber Hoffnung, dass diese Zeit bald vorbei ist und der Verein seine Mitglieder wieder zu Veranstaltungen einladen kann. Für die Zukunft des Vereins werden dringend junge Familien gebraucht, die aktiv für die Ziele des Heimatvereins, zu denen auch der verantwortliche Umgang mit der Natur und der Umwelt gehört, eintreten und die die Arbeit von 30 Jahren fortsetzen zur ständigen Verbesserung der Lebensqualität in unseren Ortschaften, für uns alle und besonders für unsere Kinder, und die dabei die Leistung unserer Vorfahren nicht vergessen.

Gerd van de Kamp

2021-07-15

Der neue Imker

Im Räderwerk der Natur hat jedes Lebewesen und sei es noch so klein eine wichtige Aufgabe. So langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass alle Lebewesen abhängig sind von der Existenz Pflanzen bestäubender Tiere. Ohne Bestäubung keine Samen, ohne Samen keine Pflanzen, ohne Pflanzen keine Tiere. Und was essen wir dann?  Der Heimatverein bemüht sich seit Jahren darum, durch das Anpflanzen von Frühblühern ein frühes Nahrungsangebot für diese Insekten zu schaffen. Hierzu gehören neben Hummeln natürlich auch unsere Bienen. Die von diesen Tieren durchgeführte Vorratshaltung wird von uns Menschen dankbar angenommen und hat sich zu einer Industrie entwickelt. 

Der natürlichste Honig ist „Frühlingsblüte“ und „Sommerblüte“, also der Honig, der „in der heilen Welt“ um den heimischen Bienenstock erzeugt wird. Sortenreiner Honig kann jedoch nur angeboten werden, wenn der Bienenstock in das Zentrum der gewünschten Blüten gebracht wird. Bienen zu den Blüten zu transportieren ist notwendig geworden, denn wie sollen sonst die Blüten in den riesigen Monokultur- Plantagen bestäubt werden. Der Abstand der Bienenstöcke orientiert sich an den Erkenntnissen über Flugentfernung zu Ertrag, und amerikanische Honigproduzenten gehen davon aus, dass eine maximale Flugentfernung von 500 Metern nicht überschritten werden soll.

Die sich über Jahrhunderte entwickelten regionalen Bienenvölker wurden zur Ertragsoptimierung mit anderen Bienen gekreuzt, um größere, ertragreichere Bienen zu erzeugen. Leider schuf man hierdurch teils sehr aggressive Bienenvölker, krankheitsanfälligere Bienen und man vergaß offensichtlich, dass größere Bienen mehr Futter benötigen. Die bei uns ursprünglich nicht heimische Varroamilbe wurde eingeschleppt und hat sich zur Seuche entwickelt, für die es in Deutschland, im Gegensatz zu unseren Nachbarländern, noch keine Meldepflicht gibt. Zurzeit ist ein Umdenken festzustellen und die Gesellschaft hat erkannt, dass Eingriffe in die Natur auf Dauer nicht immer erfolgreich sind.      

Kalenderblatt Januar 2000 


Schon recht frühzeitig erkannte der Mensch den Wert des Bienenhonigs. Er trug dazu bei, dass die Honigbienen sich weltweit verbreiteten. Schon die Ägypter, die Griechen und die Römer beschäftigten sich mit der Bienenzucht und der damit verbundenen Honiggewinnung, zumal sie von einer gewissen Heilkraft des Honigs ausgingen. In unseren Breiten waren hohle Bäume die ursprüngliche Behausung der Bienen. Später sägte man die Hohlräume der Baumstämme aus und stellte sie in hausnähe auf. Mit dem Aufbau dieser Klotzbauten begann praktisch die Bienenzucht.

In Mitteleuropa war bis zur Mitte des 19. Jahrhundert die Korbimkerei weit verbreitet. Sie ist heute noch in der Lüneburger Heide zum großen Teil erhalten geblieben. In unserer Gegend hat sich nach und nach die Kastenhaltung durchgesetzt.

In jedem Bienenstaat gibt es 3 deutliche Kasten: die Königin, die Arbeitsbienen und die Drohnen. Je nach Jahreszeit kann ein Bienenvolk von einigen Tausend bis zu 40000 Bienen anwachsen. Bei einem Ausflug fliegt eine Arbeitsbiene etwa 100 Blüten an, bis zu 40 Ausflüge unternimmt sie an einem Tag. Dies bedeutet, dass eine Arbeitsbiene je Tag den Nektar von 4000 Blüten sammelt. Daher auch der Ausspruch „Fleißig wie eine Biene“.

Heinrich Heier, Duisburger Straße 125, in Hartefeld entdeckte 1960 seine Liebe zur Imkerei durch einen Beinbruch seines Vaters. Der konnte in der Hauptsaison den Honig nicht schleudern. Diese Arbeit übernahm Heinrich. Zurzeit baut er 3 neue Bienenvölker auf.

Herbert Klein, Viernheimer Straße 4, in Vernum ist seit 1974 Imker. Als Angler errichtet er eine Hütte, die er auch zur Bienenhaltung nutzte. Standplatz seiner 3 Bienenvölker ist ein Wald in Lüllingen.

Helmut Fonteyne, Vernumer Straße 136, in Vernum nutzte auch seit 1975 eine Anglerhütte zur Bienenhaltung. Seine 7 Bienenvölker sammeln den Nektar in der Geldener Heide am Wasserwerk.

Rainer Fehlemann, Teuwsenweg 4, in Vernum kam 1984 durch seine Naturverbundenheit über die Bienen zur Imkerei. Einen Teil seiner 15 Bienenvölker hat er am Haus, den Rest in Kevelaer untergebracht. Er stellt seinen Honig nach kontrolliert biologischen Normen, den sogenannten Demeter-Richtlinien, her.

Peter Bauer, Hartefelder Dorfstraße 70, in Hartefeld wurde 1989 durch Helmut Fonteyne an die Imkerei herangeführt. Die Standplätze seiner 11 Bienenvölker ist die Geldener Heide am Wasserwerk und am Hause.

Theo Camp

Aktuell gehen wir davon aus, dass Helmut Fonteyne und Henni Bauer mit Peter Bauer jun. die Imkerei nur noch als Hobby für den Eigenbedarf betreiben. Rainer Fehlemann wird im Internet als Imkerei angegeben. Der Honig wird jedoch (siehe Homepage) nicht mehr als Demeter-, sondern als Biolandqualität angegeben. Vielleicht liegt es daran, dass die Demeter Richtlinien hölzerne Bienenkästen vorschreiben. Aktuell werden Bienen in Styroporkästen gehalten, denn sie sind leichter, halten die Temperatur besser und sind nicht so schimmelanfällig. Keine Angst, dass Sie Styropor in Ihrem Honig vorfinden könnten, denn das Bienenvolk kleidet als allererstes die Wände einer neuen Behausung mit einer Propolisschicht aus.

Neu in Hartefeld ist die Familie Verheyen, Hartefelder Dyck 29. Michael Verheyen ist der 1.Vorsitzende des Imkerverein Straelen (gegründet 1815). Er betreibt seit 2007 die Imkerei. Von Herrn Windeln (NABU) bereits an die Natur herangeführt, nahm er an einem Workshop über „wesensgemäße Bienenhaltung“ teil. Nach diesem Jahr kaufte er sich sein erstes Bienenvolk. Es ist beeindruckend zu erfahren, wieviel ein Imker über blühende Pflanzen wissen muss. Was blüht wann, was ist bienenfreundlich? Im neu angelegten Blühstreifen auf der „Allee der Festkettenträger“ sind Sommer- und Herbstblüher. Wir haben es also richtig gemacht.

Wenn Sie ein Wespennest umsiedeln wollen oder an einer Bienenpatenschaft interessiert sind, ist Michael Verheyen der richtige Ansprechpartner. Natürlich verkauft er auch den Honig seiner Bienen: direkt am Haus oder nach telefonischer Bestellung; oder fragen Sie am Gemüsestand auf unserem Hartefelder Wochenmarkt.

Noch eine Bemerkung zum Schluss. Bitte stellen Sie ein fast leeres Honigglas, besonders wenn es sich um ausländischen Mischhonig handelt, nicht nach draußen, um den Bienen „die Arbeit zu erleichtern“. Die Gefahr, dass hierdurch die amerikanische Faulbrut in den Bienenstock geschleppt werden kann, ist zu groß. Also Honiggläser immer ausspülen!

Ich bedanke mich bei Michael Verheyen für die interessanten Informationen.

Günter Wochnik

 2021-07-04

Ausgestorbene Berufe - Der Hausschlächter

Selbstversorgung auf dem Bauernhof

Hein "Zipp" Bergers und Johannes Schatten bei Schatten. Bild von Johannes Kisters


Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit in den nächsten Supermarkt zu fahren und Fleisch zu einem Preis zu kaufen, für den noch keine Generation so wenig Arbeitszeit investieren musste wie unsere. Unser Problem besteht darin, zu entscheiden „nehmen wir Lamm aus Neuseeland, argentinisches Rindfleisch, oder Koberind aus Japan“. Noch vor wenigen Generationen bestand unsere Ernährung aus Getreidebrei und Fleisch war Luxus. Erst nach Aufhebung der Leibeigenschaft konnten sich immer mehr Menschen Fleisch leisten.

In den Industriegebieten ging man zum Metzger, doch je weiter man in den ländlichen Raum kam oder wenn der Arbeitgeber hier Vorsorge traf, wurde die Selbstversorgung mit Fleisch selbstverständlicher. In den Zechensiedlungen in Neukirchen-Vluyn ist dies sehr gut zu sehen. Es gab die Wohnblocks für die Arbeiter, große Mehrfamilienblocks, die sich jeweils um einen zentralen Platz gruppierten. Die Hauer wohnten in an die Straße gebauten Reihenhäusern mit Nutzgarten und Platz für die „Bergmannskuh“ -eine Ziege-, ein Schwein, Hühner, Kaninchen und natürlich Brieftauben. Die Steiger wohnten in Doppelhaushälften und konnten den Luxus demonstrieren einen Vorgarten mit Blumen zu bepflanzen. Allein aus der Wohnlage lässt sich ableiten: wenig Fleisch – Selbstversorger – Metzgerkunden.

Heute absolut undenkbar, aber die Schweine wurden „zu Hause“ geschlachtet. Entweder vermehrte man selbst Schweine, oder man kaufte ein Ferkel beim Bauern oder Viehhändler. Am Schlachttag und sobald das Fleisch abgehangen war, musste die Verarbeitung zu haltbaren Lebensmitteln schnell erfolgen und erforderte viele Hände, denn es gab keine Kühlmöglichkeiten. Erst in den 50er Jahren konnte man sich bei der Genossenschaft ein Kühlfach mieten, das jedoch bevorzugt für Gemüse und Beeren genutzt wurde.


Der Hausschlächter ging zu den Bauernhöfen, schlachtete und verwurstete die Tiere gleich auf dem Hof. Das sah im Einzelnen so aus:

Dem Schwein wurde ein Strick um ein Hinterbein gebunden. Dieser wurde dann an einen Baum oder einem Eisenring an einer Mauer befestigt. Nun wurde das Schwein mit einem Holzhammer der einen Bolzen hatte, mit einem Schlag auf den Kopf betäubt und anschließend mit einem Messer abgestochen. Das Blut wurde in einem Eimer aufgefangen. Mit ein wenig Salz versetzt mußte es kräftig gerührt werden, damit es nicht geronn. „Voel Glöcks met den Doje!” sagte nun der Metzger, denn jetzt waren die ersten Gläschen Schnaps fällig. Nun wurde in einem „Poggenpott” Wasser bis 70° erhitzt, das Schwein kam an ein „Hangholt” und wurde mit dem heißen Wasser übergossen. Mit einem „Bell” wurden nun die Borsten abgeschabt und mit dem Haken am „Bell” die Zehnägel gezogen. Mit dem Messer wurden die letzten Borsten entfernt. Hienach hängte man das Schwein an eine Leiter und schnitt es auf. Die Innereien wurden entsorgt Leber, Herz, Nieren und Lunge jedoch aufbewahrt. Auch für die Därme und den Magen hatte man Verwendung. Diese wurden entleert und gereinigt. Sie dienten als natürliche Wurstpelle bzw. für den Schwartemagen.

Zwei Tage mußte das Schwein nun auskühlen. Aus diesem Grunde wurde früher auch nur in der kalten Jahreszeit geschlachtet, denn es gab ja noch keine Kühlhäuser. Während der Auskühlzeit kam dann der Trichinenbeschauer, um das Fleisch auf Trichinen (Fadenwürmer) zu untersuchen.

Am dritten Tag endlich wurde das Schwein zerlegt. Schinken, Füßchen, Eisbein und Rippchen wurden gesalzen und in einen Pökeltrog gelegt. Anschließend wurde der Schinken geräuchert oder luftgetrocknet. Aber es standen noch weitere Arbeiten an: Die ,,Karmenad“ wurde gebraten. Es war ein besonders gutes Fleischstück, Filet, oder Lummer, das den Großeltern, oder dem Bauern und seiner Frau vorbehalten war. Die Mettwurst getrocknet, Leber- und Blutwurst in Därme gefüllt und gekocht. In die Magenhülle wurde Schwartemagen gepreßt. Von der Wurstbrühe, versetzt mit Speckstückchen, Buchweizenmehl und Gewürzen, wurde Panhas hergestellt. Eigentlich wurde alles vom Schwein verwertet. Das Rückenfett, die Flomen, wurden ausgelassen und ergaben Schmalz, das zum Anbraten, oder als Griebenschmalz auf Brot gegessen wurde. Sogar für den „Peserik” hatte man Verwendung: man nahm ihn zum Fetten der Sägen oder hängte ihn einem Nachbarn, der beim Brandewein etwas geizig gewesen war, als Schabernack an die Haustüre. Sogar die Speckschwarten dienten als Kaumittel für Kleinkinder, wenn sie Zähne bekamen.

Hausschlächter in Hartefeld und Vernum waren: Michael Druyen; Jakob Paschmann und Theo Vallen

Elisabeth Görtz


Da das Fleisch, das nicht geräuchert, getrocknet, oder gepökelt werden konnte, in Gläser eingekocht wurde, ist es klar, dass es nach dem Schlachtfest kein Frischfleisch und keine Frischwurst mehr gab. Das Glas mit Schweinebraten wurde sonntags geöffnet und das Fleisch durch Anbraten eigentlich nur mit einer Kruste versehen. Konnte man zwei Schweine schlachtreif mästen (Herbst und Frühjahr), hatte man das ganze Jahr Fleisch, ansonsten musste man die Portionen anpassen.

Damit eine Kuh, (Ziege, Schaf) Milch gibt, muss sie jedes Jahr ein Kalb zur Welt bringen. Die guten Kuhkälber wurden behalten, die anderen und die Bullenkälber wurden verkauft. Nicht jeder männliche Nachwuchs hatte das Zeug zum Zuchttier, folglich war das Leben der männlichen Tiere sehr kurz. Osterlamm, Zicklein, Hammel, Schweine (kastriert) überlebten das Geburtsjahr nicht. Auch Hähne oder Kapaune waren ein willkommener Sonntags-Frischfleisch-Braten und Abwechslung im Schweinefleischalltag. Hühner benötigte man „der Eier wegen, welche diese Tiere legen“. Entweder man hatte eine Glucke (Küken führendes Huhn), oder man kaufte einen Korb voll Küken, in dem statistisch 50% Hähne sein würden. Hühner wurden geschlachtet, wenn die Legeleistung nachließ; ein Suppenhuhn wie heute. Irgendjemand hielt Kaninchen, die man küchenfertig kaufen konnte; oder Brieftauben, die nicht schnell genug waren, wurden geschlachtet. Enten als Fleisch und Eierlieferant spielten keine große Rolle im Gegensatz zu Gänsen. Von ihnen bekam man Eier und die Martinsgans ist uns allen ein Begriff. Es wurden aber auch die Federn gesammelt, die die Tiere in der Mauser abstießen; gesammelt, kein Lebendrupf. Das „Stopfen“ der Gänse war hier nicht verbreitet. Da in unserer Region die Wurstbrühe zu Panhas verarbeitet wurde, ist die in Süddeutschland verbreitete „Metzelsupp“, bei der die Wurstbrühe mit Fleischstücken und geplatzten Würsten jeweils an die Nachbarn verteilt wurde, nicht bekannt.

Wann ging man dann eigentlich zu Metzger? „Wenn wir Suppenfleisch benötigten, oder wir wollten mal Schinkenwurst essen. Und zur Kirmes, oder bei besonderen Anlässen hat man schon mal einen Rinderbraten gekauft“.

Das Schwein musste eine breite Fettschicht haben. Heute undenkbar, fettes Fleisch ist nicht mehr zu vermarkten und unwirtschaftlich, denn die Erzeugung von Fett benötigt viel Futter (Getreide). Warum haben unsere Großeltern trotzdem Fett beim Schwein, Hammel, Gans gewünscht? Weil die Energie, die sie für die täglichen Belastungen benötigten, durch Fettverbrennung bereitgestellt wird. Wenn der Bauer hinter den Pferden den Pflug in die Erde drückte, verbrauchte er stundenlang mit geringer Herzfrequenz Kalorien und die kommen aus der Fettverbrennung. Die Arbeit wurde beendet, wenn die Pferde müde waren, und solange musste der Bauer durchhalten. „Wir haben das Fett aus der Pfanne gelöffelt“ sagte mir ein alter Bauer. Wir haben dann nachgerechnet, die tägliche Fett-, Fleisch-, Wurstmenge lag bei 80 gr. Die tägliche Schrittzahl lag bei über 10.000 Schritten.

Kaum ein Mensch unserer Zeit kommt im Alltag noch in den Bereich der Fettverbrennung. Da wir aber viel und billiges Fleisch essen wollen, muss dieses mager sein, damit es sich nicht in Hüftgold verwandelt. Ein Umdenken wäre sinnvoll.


Ich bedanke mich bei Frau Klara Janssen, Oermten, für die interessanten Einblicke in eine vergangene Zeit.

Günter Wochnik

2021-06-15
Nicht mehr existierende Vereine

Es gibt Vereine, von deren Existenz wir nur über Fotos Kenntnis haben oder über die wir nur sehr wenig in Erfahrung bringen konnten. So der Gesangverein Vernum 1922.

Die Vernumer verstanden es schon immer, einen Grund zum Feiern zu finden. 1922 waren es die Junggesellen der Geburtsjahrgänge 1890 – 1900, die seinerzeit einen Gesangverein gründeten. Der Leiter dieser „Truppe“ kam aus Grefrath. Einmal wöchentlich wurde geprobt. Es wurden Volkslieder „einstudiert“. Bei diesem Studium soll es immer sehr lustig zugegangen sein.                                            

(Kalenderblatt September 1994)

Wir konnten nicht in Erfahrung bringen, wie lange dieser Chor existierte. 


Weiterhin ist uns bekannt, (Kalenderblatt September 1999), dass es -gesichert- 1930 einen Knabenchor gab, der im Kirchenchor die Sopran- und Altstimme sang. Wie lange dieser Chor existierte, ist uns nicht bekannt. Bis 1934 gab es auch einen Jungfrauenchor, der dann aufgelöst wurde und in den Kirchenchor integriert wurde. Sicherlich können wir zu den hier aufkommenden Fragen einige Informationen in der Geschichte des Kirchenchors finden. War der Kirchenchor bis 1934 ein reiner Männerchor, oder warum sangen Knaben bis 1934 im Kirchenchor die Alt- und Sopranstimmen? Was wurde aus den Vernumer Sängern?


1956 Festkettenträger des Hartefelder Soldatenbundes. v.l.n.r: Arnold Wolters, Richard Bonnen, Festkettenträger Johann Waerdt.

Auch die anscheinend sehr lange Geschichte des „Soldatenbund“ ist für uns bisher nicht beweisbar. Es liegt uns ein Kassenbuch vor, durch das zu beweisen ist, dass der Verein bereits vor 1935 existierte. Bis 1944 sind Einnahmen und Ausgaben dokumentiert, dann erst wieder ab 1954. Der Soldatenbund war einer der Gründungsvereine der Vereinsgemeinschaft Hartefeld-Vernum-Poelyck und eine treibende Kraft zur Gründung des Trommlercorps Blau-Weiß. Er unterstützte diesen neuen Verein in den Jahren immer wieder mit Geldzuwendungen für Uniformen oder half bei der Beschaffung einer Lyra. So ist es auch nachvollziehbar, dass der erste Festkettenträger, der die von der Gemeinde Vernum gestiftete Festkette tragen durfte, 1956 Johann Waerdt gewesen ist. Ab 1958 sparte der Verein Geld an zur Errichtung eines Ehrenmals. Lag der Kassenbestand in den Jahren davor und danach bei ca. 700 DM kam durch Spenden, Haussammlungen und Veranstaltungen in kurzer Zeit (Kassenstand 31.12.1961) ein Betrag von 8020,38 DM zusammen. So viel Geld wurde benötigt, um das Ehrenmal zu realisieren. 1964 war der Soldatenbund festgebender Verein der Sommerkirmes und stellte mit Otto Reez satzungsgemäß den Festkettenträger.

Jedes Jahr am Volkstrauertag versammeln sich die Vereine am Ehrenmal auf der Pastoratwiese, um der Opfer von Krieg und Verfolgung zu gedenken. Die Ansprache wurde viele Jahre von einem Mitglied des Soldatenbunds gehalten; es gibt noch Kopien einzelner Reden.

1964 Festkettenträger des Hartefelder Soldatenbundes. v.l.n.r: J.Bürgers, K. Cuypers, H. Nick, Festkettenträger Otto Reetz, Bürgermeister G. Waerdt, F. Paschmanns, F. Haever, H. Tombergs, J. Terhardt.

In den Folgejahren verringerte sich die Mitgliederzahl altersbedingt immer mehr und die Mitgliederbeiträge mussten immer häufiger für Trauerkränze ausgegeben werden. Am 28.04. 2005 beschlossen daher 14 Mitglieder (Durchschnittsalter 77 Jahre) des Soldatenbund Vernum-Hartefeld die Auflösung des Vereins. Der vorhandene Kassenbestand wurde (300,-- €) auf die Vereinsgemeinschaft, „für die Kirchenheizung“  und für die Kriegsgräberfürsorge verteilt.

Auch der Hinweis auf die Tätigkeit des Soldatenbundes hinsichtlich seines Bestehens seit 1871 konnte diese Neigung nicht ändern, ……“ (Auszug aus dem Protokoll der Sitzung)

Somit endet eine -zumindest nach mündlicher Überlieferung- 134- jährige Tradition.

Dem Heimatverein Hartefeld-Vernum e.V. sind vom damaligen Vorsitzenden Bernd Laumann ein Kassenbuch über die Jahre 1936 bis 1972, eine Loseblatt Sammlung einiger Reden zum Volkstrauertag, Zeitungsausschnitte über Veranstaltungen, Traueranzeigen und das Protokoll der letzten Versammlung, in der die Auflösung des Vereins beschlossen worden ist, übergeben worden; weiterhin drei schwarz-weiße Schärpen. Unser Mitglied Jutta Bergers bemüht sich zurzeit, diese zu restaurieren. Ein schwieriges Unterfangen, denn uns ist weder das Alter noch das Material bekannt und wir wissen auch nicht, ob die Schärpen einst „reinweiß“, oder elfenbeinfarben waren. Da es drei Schärpen sind, folgern wir, dass sie vom Fahnenträger und seinen Begleitern zu besonderen Anlässen getragen wurden. Leider konnten wir kein entsprechendes Foto finden. Auch die Suche nach der Fahne und möglicher Protokollbücher war bisher nicht erfolgreich.

Informationen zum Verbleib der Fahne und weiteren Dokumenten wären sehr interessant.

Günter Wochnik

2021-06-01

 Landwirtschaft im Wandel


Pflügen in Hartefeld mit 3 PS

 

 Im Freilichtmuseum Grefrath gibt es eine Info-Tafel, auf der beschrieben ist, dass der Reichtum eines Bauern aus der Zahl der Pferde abgeleitet werden kann, dass es aber kein 3-Pferde-Bauer schafft allein durch seiner Hände Arbeit zu einem 4-Pferde-Bauern zu werden. Dies ist für ein Stadtkind nicht zu verstehen. Daher haben wir bei vielen Altbauern nachgefragt „wie war das denn damals“. 

Die Landwirtschaft garantiert, seit der Mensch sesshaft geworden ist, die Ernährung der Bevölkerung. Je mehr Menschen in die Städte zogen, umso wichtiger wurde es, dass der Bauer Überschüsse erzielte, die dann auf dem Markt von Händlern, Metzgern, Bäckern verkauft werden konnten. Es ist für den modernen Menschen selbstverständlich, zu Weihnachten frische Erdbeeren aus Afrika und Flugananas aus Südamerika zu bekommen und dass Ware immer makellos ist. Rind und Schwein besteht nur aus Filet oder Steak. Wieviel Nahrungsmittel vernichtet werden, sieht noch keiner. Einwandfreie Nahrungsmittel wegzuwerfen, nur weil sie zu groß, zu klein oder krumm sind, ist Sünde, denn vor 100 Jahren hungerten viele Menschen in der Fastenzeit; teils aus religiöser Motivation, oft aber weil Keller und Speisekammer leer waren. Je kleiner der Acker, je größer die Kinderschar umso mehr biss der Hunger. Besonders drastisch war das in Regionen mit Realteilung, bei der jedes Kind einen gleichgroßen Anteil vom Erbe bekommt. Das bei uns übliche Anerbenrecht erhielt zwar die Hofgröße, hatte aber andere Nachteile, denn es gab nur einen Haupterben. Es ist davon auszugehen, dass dies der älteste Sohn war. Die Töchter halfen im Haushalt, bis sie „gut“ verheiratet werden konnten, gingen ins Kloster oder blieben unverheiratet auf dem Hof und verdienten sich durch angelernte Arbeiten, die sie bei den barmherzigen Schwestern gelernt hatten, ein Zubrot. Die fast immer ledigen anderen Söhne blieben als Arbeitskraft auf dem Hof, denn nur wenige Höfe konnten es sich erlauben Lehrgeld für eine Berufsausbildung aufzubringen bei gleichzeitigem Verlust dieser günstigen Arbeitskraft. Glück hatte, wer einen Platz im Priesterseminar bekam oder eine Witwe mit Bauernhof heiraten konnte.

 

Ackerland wurde so gut wie nicht verkauft, denn die bäuerliche Gesellschaft war auf Selbstversorgung ausgelegt. Vegetarische Kost war die Regel, denn für jedes Lebewesen, egal ob Mensch oder Tier, musste ausreichend Nahrung gesichert sein. War der Hof so groß, dass Zugtiere benötigt wurden und ernährt werden konnten, wurden Kühe angespannt. Natürlich verringerte sich dadurch die Milchleistung. Größere Höfe hatten einen Ochsen, der bis zum 4. / 5. Lebensjahr arbeitete, und einen jungen Ochsen, der angelernt wurde, um dann dessen Arbeit zu übernehmen, denn kein Metzger wollte einen „alten Ochsen“. Um 1900 gab es als Zugtiere ca. 3,4 Mio. Rinder, davon 2,4 Mio. Kühe, und 2,7 Mio. Pferde. Nach den Schilderungen der älteren Generation mussten sich selbst Bauern mit einem Pferd noch als Tagelöhner verdingen, da der Betrieb das Auskommen schon damals nicht sichern konnte. Erst größere Höfe waren in der Lage den dringend benötigten Nahrungsmittelüberschuss zu erwirtschaften, Knechte und Taglöhner zu beschäftigen; es gab auch Betriebe, deren Bauer mit blank gewienerten Stiefeln auf seinem Trakehner von Feld zu Feld ritt. Doch auch hier galt: wer viel Futtergetreide für die Schweinehaltung benötigte, konnte nicht so viel Milchvieh halten (und umgekehrt); wer viel Ackerfrucht anbaute, konnte nur wenig Vieh halten und, wenn im Sommer der Regen ausfiel oder die Ernte schlecht war, mussten im Herbst Tiere verkauft werden. Futter konnte man bedingt durch den begrenzten Transportradius nur beim Nachbarn zukaufen, aber „die anderen hatten ja auch nichts“.


Traktor Baujahr 1967 mit 25 PS
Die Änderung begann mit der Verbesserung der Motorisierung. Tierfutter konnte durch LKWs jederzeit in der nötigen Menge geliefert werden. Dadurch war die Anzahl der Mastschweine, Mastbullen, Milchkühe nicht mehr durch die vorhandene landwirtschaftliche Nutzfläche begrenzt. Traktoren und Maschinen übernahmen die Arbeit vieler Menschen, die leichter zu einem Arbeitsplatz kamen, und Lehrlinge bekamen schon in der Lehrzeit Geld bezahlt. Bis ca. 1960 arbeiteten noch über 20% in der Landwirtschaft, obwohl die Stundenlöhne nur 2/3 eines Arbeiters, oder Handwerkers in der Industrie betrugen, von Arbeitszeiten nicht zu reden. Der Nebenerwerbslandwirt war immer noch ein von der Politik ernst genommener Faktor. Auch in unserer Region hatte sich bis in diese Zeit die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe und die Größe der Ackerflächen nur unwesentlich verändert. Doch dann kam die Philosophie „wachsen oder weichen“ auf und in den 1970ern spezialisierten sich die Betriebe immer mehr. Die junge Generation der Landwirte, die den Hof einmal im Nebenerwerb betreiben sollten, mussten oft sehr lang warten, bis sie den Hof überschrieben bekommen hatten. Sie hatten in ihrem Beruf seit vielen Jahren ein gesichertes Einkommen, regelmäßigen Feierabend, Urlaub, eine Wohnung in der Stadt. Jetzt den vielleicht kränkelnden Betrieb zu übernehmen und die zusätzliche Arbeit zu erbringen, war keine Alternative mehr, denn erst ein Hof mit über 15 ha wurde als „respektabel“ angesehen. Die einfachste Lösung war verkaufen oder verpachten. Diese Entwicklung lässt sich in der folgenden Tabelle gut ablesen.

 

Traktor Baujahr 2020 mit 220 PS
Im Mittelalter (*Dr. Frankewitz „Bauern, Höfe und deren Namen am Niederrhein“ S. 23) sind für unseren Bereich 31 Höfe von 66 mit Namen angegeben. 1703: 45 Höfe mit Hofname von 52, 1877: 33 Höfe mit Hofname und 107 neue Höfe. Wie die Diskrepanz zwischen 140 und den von Dr. Frankewitz angegebenen 62 Höfen zustande kommt, ist nicht ganz klar. Vergleichen wir die jüngere Zeit auf Basis der Mitgliederliste des „Landwirtschaftsverband e.V. Kreisbauernschaft Geldern, Ortsbauernschaft Vernum“ und gehen von 140 Höfen um 1870 aus. (Nicht berücksichtigt sind Waldflächen, verpachtete, gepachtete Flächen und Landwirte, die ihr Land verpachtet haben, dies aber nicht mehr bewirtschaften.)



 Entwicklung der Anzahl der Höfe:


Jahr

1955/56

1958/59

1959/60

1960/61

1961/62

1962/63

1964/65

1966/67

Anzahl

147

130

125

122

116

116

94

92

Entwicklung der Hofgröße (ohne Wald und zugepachtete Flächen):

Jahr

Bis 5 ha

>10 ha

>15 ha

>25 ha

>35 Ha

>50 ha

>100 ha

< 100 ha

1955

54

27

11

40

12




1972

0

7

13

36

11

7



1992

5

0

5

10

9

5

6


2007

2

3

0

8

4

5

6

4

Von den Höfen des Mittelalters sind nur noch folgende Höfe bei gleichem Namen landwirtschaftliche Vollerwerbsbetriebe: Wiegelshof, Nevenhof, Nabershof und Grauwelshof. Einer der Traditionshöfe, deren Flächen nun auch verpachtet sind war Jüttenhof. 

In einer Zeit, in der die Landwirte nicht mehr angeben können, welchen Betrag sie für ein Produkt, das sie monatelang gepflegt haben, für gerechtfertigt halten, in der Handelsketten und Konzerne den Preis bestimmen, ist kein Raum mehr für Romantik. Zum Glück haben wir in unserer Gemarkung noch junge Frauen und Männer die Landwirtschaft im Vollerwerb betreiben wollen.

Bermeshof = H-J Buffen / Bönningshof = Flor. Oymans / Brückershof = Berth. Deselaers / Grauwelshof = T. Leurs / Kleine Winkels = Peter Smitmans / Mettenhof = Georg Kolmans / Nabershof = Willi Maas / Nevenhof = Christoph Stammen / Neu Nevenhof = René Stenmans / Poelmanshof = Joh. Haever / Schwanenhof = P. Strompen / Sickmanshof = Georg Reumen / Velmanshof = H. Cuypers / Veltjenshof = H-J Tombergs / Wiegelshof = H. Hendrix / Hugo Tissen jetzt Fam. Luyven / H. Porten früher Neuhaus, oder „der kleine Porten“ jetzt Aussiedlerhof. Wie wird es in 20 Jahren aussehen?

Wir bedanken uns für die Mithilfe bei Klaus Bever, Heinz Deselaers und Christoph Stammen.

Günter Wochnik

2021-05-15

Ausgestorbene Berufe - Die Milchfuhrleute

Im Rahmen unserer Ausflüge „Betriebe in unserer Nähe“ bekamen wir einen Eindruck von der Milchgewinnung in unserer Zeit vermittelt. Gleichgültig ob im Melkstall bei H.-J. Tombergs, oder beim kuhbestimmten Melkroboter der Käserei Straetmans in Stenden, die Milch befindet sich in einem fast geschlossenen, ständig gekühlten System. Aus dem Euter in den gekühlten Sammelbehälter, in den hygienisch einwandfreien Spezialtransporter, zur Molkerei um dort verarbeitet und keimfrei verpackt zu werden.

Früher wurden die Kühe von Hand gemolken. Dies war eine schwere Arbeit, sodass ab etwa 20 Kühen die Einstellung eines Melkers, auch Schweizer genannt, sinnvoll wurde. Die Milch kam in den Melkeimer, von dort nach dem Absieben des groben Schmutzes in die Milchkanne und direkt in die Küche zur zügigen Verarbeitung, Verwertung, denn Kühlsysteme gab es noch nicht.

Milchlieferung an der Molkerei mit Pferdegespann

Auszug Kalenderblatt Juli 2000

Dies änderte sich, als 1892 in Vernum zu Hartefeld die Molkerei gegründet wurde. In den ersten Jahren war für die Milchanlieferung der Milchbauer selbst verantwortlich, wobei die größeren Bauern den Pferdewagen benutzten. Die kleineren Bauern spannten den Hofhund, oder eine Ziege vor einen Karren oder brachten die Milch persönlich zur Molkerei. Teils wurden zwei Milchkannen an den Lenker des Fahrrades gehängt, teils „spannten“ sich die Kleinlieferanten selbst vor originellen Selbstbauten. Nach und nach bildeten sich Nachbarschaften, die im wöchentlichen Wechsel die Anlieferung der Milch übernahmen. War die Molkerei zunächst nur als Schlichter bei Streitigkeiten wegen gerechter Einteilung und Entlohnung gefragt, reifte langsam die Einsicht, dass es wirtschaftlicher war, dieses logistische Problem der Molkerei gänzlich zu übertragen. Landwirte, die keinen Vollerwerbsbetrieb hatten, wurden von der Molkerei als Milchfuhrleute eingestellt. Die Bauern stellten Pferd und Wagen, bzw. später den Traktor mit Anhänger und konnten so durch den Auftrag der Molkerei ihren Unterhalt bestreiten. Die Entlohnung erfolgte einheitlich für das gesamte Milcheinzugsgebiet monatlich nach transportierten Litern. Der Milchfuhrmann war folglich ein Subunternehmer, oder auf Neudeutsch ein „Scheinselbstständiger“. Die Fuhrleute hatten die Höfe anzufahren, dort standen schon die verzinkten, schweren 20 Liter Milchkannen bereit. Diese wurden aufgeladen und zur Molkerei gefahren. Nachdem die Kannen geleert und gesäubert waren, wurden sie mit den Produkten, die die Bauern zurückerstattet bekamen, gefüllt. Dies waren Molkereiprodukte, aber auch Materialien für die eigene Landwirtschaft wie Hühnerfutter, Düngemittel u.v.m.. Natürlich durfte die Tageszeitung nicht fehlen. Bis zu 100 solcher Milchkannen betreute täglich jeder Fahrer. Diese Tätigkeit forderte nicht nur Kraft, sondern eine gehörige Portion Routine und natürlich Pünktlichkeit.

Treckergespann an der Molkerei

Den Bezirk Vernum betreuten Michael Druyen und Sohn Peter, Johann Kuenen fuhr für Frau Bueren deren Aufgabe später Johann Perau übernahm, danach fuhr Wilhelm Melles und Johannes Clancett diesen Bezirk ab. Für Holthuysen und Hochpoelyck fuhren Johann Hinzen und Sohn Heinrich, Vernum und Neufeld wurde durch Theodor Papen und Peter Cleve versorgt. Anton Leenen, Dackenhof, fuhr für Winternam und Vernum. Die Strecke Winternam und Baersdonk erledigte Theodor Klanten mit seinem Sohn Peter. Poelyck wurde versorgt von Hubert Voß, später von Gerhard Jahnsen. Anton Tebernum und Johann Tomberg befuhr ab 1953 Heiderp. Um die Logistik zu garantieren, benötigte die Molkerei für die Bezirke 7 Milchfuhrleute. Nach und nach übernahmen die festangestellten Fahrer der Molkerei mit ihren Lkws, die Tätigkeit der Milchfuhrleute.


Milchfuhrleute um 1965

Wie aus der Aufstellung von 7/2000 abgeleitet werden kann teilten sich zum Teil mehrere Fahrer einen Bezirk, denn die Abholung der Milch musste absolut gesichert sein.

Es ist selbsterklärend, dass es diesen Beruf nicht mehr geben kann. Schon mit Beginn der Motorisierung wurden die pferdgezogenen Transporte auf Traktoren umgestellt. Später kaufte unsere Molkerei eigene, spezielle Sammel-LKWs die rechtsgesteuert waren, damit der Fahrer besser an den mittlerweile vorhandenen Milchsammelbehälter des jeweiligen Hofes andocken konnte. Also ein Beruf für ein Bauernhofmuseum.

Günter Wochnik

2021-04-30

Wo ich wohne - die Friedhofstraße,

Mit der Einweihung des neuen Friedhofes am 30. September 1846 hinter der Kaplanei, wurde auch ein Stichweg zum neuen Friedhof angelegt. Zuvor lag der Friedhof um die immer wieder erweiterte ursprüngliche Kapelle, die Silvester 1808 zur selbstständigen Kirche erhoben wurde.

Ausschnitt der Amtskarte 1957 - 1964

Vermutlich mit den Bebauungsplanungen an der Pastoratsstraße und der rechten Seite des Neuhausweges um 1962 wurde der Weg zum Friedhof zur Friedhofsstraße umgewidmet.

Wenn wir die Örtlichkeit betrachten, kann man davon ausgehen, dass das ursprüngliche Areal vermutlich bis zum Ende des Buchengangs reichte, der dem in Hartefeld wohnenden katholischen Pfarrer die Möglichkeit gab im Schatten das Brevier (Stundengebete) zu lesen. Die heute festzustellende Erweiterung des Friedhofs war möglich, da das Ehepaar Herrmann und Anna  Forthmann ( „Tante Anna“ ) der damaligen selbstständigen Gemeinde Vernum ein Stück Land schenkte, das bis zum Waerderweg reichte. Dieses Grundstück durfte 30 Jahre lang nur als Friedhofserweiterungsland genutzt werden. Mit dem Ende der Gemeinde Vernum ging die Landschenkung an die Stadt Geldern als Rechtsnachfolger über.

Zwischen der Kaplanei und der Friedhofstraße wurde am 02.09.1967 das Verwaltungsgebäude (Rathaus) unserer Gemeinde Vernum eingeweiht, das eigentlich nie in Dienst genommen wurde, da Hartefeld-Vernum durch die Gebietsreform zu Geldern kam. Am gleichen Tag wurde auch das neue Feuerwehrhaus eingeweiht. Zuvor war die Garage für das Löschfahrzeug im Haus des Friseursalons Ingenhaag, jetzt Ruth Leurs. Der Friedhof bekam eine Kapelle und hatte wohl seine derzeitige Größe. Auf der anderen Straßenseite entstanden schmucke Wohnhäuser und es waren japanische Kirschen gepflanzt, die im Frühjahr eine Blütenpracht zeigten, die jeden Japaner begeistert hätte. Auf dem Friedhofserweiterungsgelände grasten zur Freude der Kinder Ponys.

1995 trat die Stadt Geldern an den Heimatverein heran mit der Bitte, im Bereich der „Ponywiese“ gemeinsam einen Bürgerpark zu planen. Zusammen mit der Abteilung für Grünordnung und Landschaftspflege wurden mehrere Pläne von "die ganze Fläche wird für den Friedhof benötigt" bis zu "die ganze Fläche wird Bürgerpark" vorgestellt und diskutiert. Einen der Pläne können Sie auf dem Bild sehen. Die Hoffnung auf einen großen Bürgerpark stieg, als Hartefeld als Wasserschutzgebiet eingestuft wurde. Viele werden sich noch an die Diskussionen erinnern, denn es drohte ein Bestattungsverbot und im Dorfentwicklungsplan wurde schon ein neuer Friedhof in Vernum (außerhalb des Wasserschutzgebiets) konzipiert. Derzeitiger Stand ist, dass in Hartefeld weiterhin bestattet werden darf und der Bedarf an Grabstätten kann laut Berechnungen gedeckt werden. Der Friedhof wurde lediglich um ein Feld für Urnenbestattung erweitert.

Alle waren sehr überrascht, als plötzlich auf dem „Friedhof Erweiterungsgelände“ gebaut wurde. „Das ist doch nicht erlaubt“; doch, denn irgendwann war die 30-jährige Zweckbindung abgelaufen. Es entstand ein neuer schöner Kindergarten, der städtische Kindergarten, der im April 1999 eingeweiht werden konnte und Platz für zwei Gruppen bot. Die Adresse ist zwar Waerderweg, aber er ist prägend für die Friedhofstraße. Die noch verbliebenen Kirschbäume, die ihr biologisches Alter bereits überschritten hatten, wurden gefällt und durch neue heimische Bäume ersetzt, es wurden Parkbuchten angelegt und die Straße saniert. Erneut staunten wir, als nach dem Dorfaktionstag am 26.09.1999, den der Heimatverein mit der Verwaltung der Stadt Geldern und dem Amt für Agrarordnung Mönchengladbach organisiert hatte, plötzlich Bagger anrückten und einen nicht im Dorfentwicklungsplan erscheinenden „Dorfanger“ anlegten. Es waren noch Fördermittel übrig, die sonst -typisch deutsch- verfallen wären.

Zurzeit wird wieder gebaut. Der städtische Kindergarten, der sich seit der 20 Jahrfeier Kindergarten „Kindergarten Traumbaum“ nennt, muss erneut erweitert werden. Schon 2012 wurde ein Anbau angefügt, denn die Umstellung auf die Betreuung U 3 (Kinder vom 4. Monat bis 3. Jahr) und Ü 3 (3. Jahr bis Einschulung) erforderte den Anbau eines Schlafraums und eines Bewegungsraums. Aktuell wird Raum für eine dritte Kindergartengruppe mit bis zu 20 Kindern (2-6 Jahre), auch Büro- und Personalräume geschaffen.

Ich glaube, wenn Onkel Herrmann und Tante Anna im Himmel auf ihrer Wolke sitzen und auf ihr Dorf herunterschauen, werden sie sich freuen, dass in Hartefeld so viel Platz für Kinder benötigt wird und dass ihre Schenkung im Interesse der Gemeinschaft verwendet wird.

Günter Wochnik

Fortsetzung wird sein „alte Berufe: der Milchkutscher“.

2021-04-15

Positive Nutzungsänderung - Teil 3:  Die Molkerei in Hartefeld im Wandel der Zeit

Der Rest der Molkerei heute, das Wohngebäude Hartefelder Markt 4


Ungefähr 100 Jahre lang war die Molkerei Vernum mit Sitz in Hartefeld der größte und bedeutendste  Betrieb in der Ortschaft Hartefeld und der früheren Gemeinde Vernum. Heute erinnert daran nur noch das vom Marktplatz aus zu sehende Haus Hartefelder Markt 4, das als einziges von dem früheren Molkereikomplex übrig geblieben ist.

Die Molkerei im Jahr 1892/93

Man schrieb das Jahr 1892 als sich 14 Bauern aus Hartefeld, Vernum und Poelyck zusammen-fanden und die „Molkereigenossenschaft Vernum zu Hartefeld eGmuH“ gründeten, eine der ersten dieser Art am unteren Niederrhein, entsprechend dem Genossenschaftsgesetz von 1889, das maßgeblich von Friedrich Wilhelm Raiffeisen initiiert worden war. Es ging darum, die von den Bauern erzeugte Milch besser zu verarbeiten und bei steigendem Bedarf aus dem wachsenden Ruhrgebiet optimaler zu vermarkten und dadurch die Einnahmen der Bauern zu verbessern. Noch im selben Jahr wurde mit dem Bau des ersten Molkereigebäudes und des Kesselhauses mit dem  typischen, weit sichtbaren Schornstein begonnen, was wohl im folgenden Jahr in Betrieb ging, zur Zufriedenheit der Bauern.


Molkerei mit Warenlager 1905

Probleme gab es jedoch mit dem Wasser, vor allem mit dem Abwasser, das zunächst wie alle Abwässer des Dorfes über offene Kanäle entlang der Dorfstraße zum Landwehrbach abgeleitet wurde, soweit es nicht vorher versickerte oder verdunstete. Den Gestank, der von der weißen Brühe ausging, kann man sich leicht vorstellen. Auf Druck der Behörden wurde 1902 zunächst die tieferliegende Wiese zwischen Molkerei und Dorfstraße, wo heute der Marktplatz ist, zur Versickerung der Molkereiabwässer angepachtet, was aber auf Dauer auch nicht akzeptabel war. So wurde 1904 von der Molkerei ein geschlossener Abwasserkanal entlang der Dorfstraße bis zur Landwehr verlegt, eigens für die Molkereiabwässer.

Im Jahre 1905 wurde zur Erweiterung der Genossenschaft um den Betriebszweig „Warengeschäft“ ein dreistöckiges Mühlengebäude angebaut. Dieses Gebäude, größer als das Molkereigebäude, diente zur Lagerung von Getreide, Ölkuchen und anderen Futtermitteln, die von der Genossenschaft eingekauft, verkauft oder verarbeitet wurden. Dieses Warengeschäft war praktisch der Vorläufer der heute noch in einigen Nachbarorten bestehenden Raiffeisenmärkte.

Das neue Molkereigebäude 1939

Die Genossenschaft florierte in den ersten 20 Jahren recht gut, die Milch wurde über den Bahnhof Nieukerk bis ins Ruhrgebiet nach Essen und Mülheim gebracht, die Zahl der sich beteiligenden Bauern, die damals unbeschränkt haften mussten, wuchs auf 22. Rückschläge gab es durch den 1. Weltkrieg, von denen sie sich erst Mitte der 20er Jahre erholte. Mit neuer Geschäftsführung, stetig wachsender Mitgliederzahl, höherer Milchanlieferung und größerem Umsatz im Warengeschäft, mit besserer Trinkmilchqualität durch LKW-Versand etc. florierte die Genossenschaft, und so wurde 1938/39 das Molkereigebäude erweitert, ein stattlicher Bau mit modernen Räumen und Anlagen für die Milchverarbeitung im Erdgeschoss und Dienstwohnungen für Geschäftsführung und Angestellte im Obergeschoss. Bei der Inbetriebnahme hatte der 2. Weltkrieg bereits begonnen, die Einweihungsfeier fiel aus, ebenso wie Feiern zum 50-jährigen Jubiläum 1942. Die Durststrecke auch für die Genossenschaft dauerte bis 1948, danach ging es wieder bergauf.

Der Molkereikomplex 1958

1952 wurde für das sich prächtig entwickelnde Warengeschäft ein neues Lager für Handelsdünger mit einer Kapazität von 600 t loser Ware und 300 t Sackware im Obergeschoss gebaut. Dazu wurde noch das „Haus der Landfrau“, eine von den Landfrauen geforderte Wäscherei, angebaut, ausgestattet mit den modernsten Maschinen, gefördert von der Landwirtschaftskammer aus dem Marshallplan. Die Einweihung wurde verbunden mit einer Feier zum 60-jährigen Jubiläum im Saale Soesters. Nach 10 Jahren aber wurde der Service Waschen, Mangeln, Bügeln wieder aufgegeben, da inzwischen die meisten Haushalte eine vollautomatische Waschmaschine angeschafft hatten. 1958 wurde das Mühlengebäude von 1905 durch einen zweistöckigen Anbau auf die doppelte Größe gebracht, um dem großen Bedarf an Fertigfutter gerecht werden zu können. Dazu kamen Anlagen zur Trocknung von Getreide und zur Aufbereitung von Saatgut.

Auch das eigentliche Molkereigeschäft lief damals ausgezeichnet und konnte sich im Wettbewerb mit den Nachbarmolkereien gut behaupten, auch wenn sie im Vergleich eher zu den kleineren gehörte. Trinkmilch wurde über die Großmolkereien in Düsseldorf, Mülheim, Essen und andere vermarktet. Butter, Sahne und andere Molkereiprodukte wurden über viele Jahre mit einem eigens dafür angeschafften Verkaufswagen (VW-Bulli) direkt zu zahlreichen Geschäften, Bäckereien, Cafes etc. in den Städten Geldern, Kamp-Lintfort, Moers, Duisburg und Krefeld geliefert. 1962 wurde  mit einem zweistöckigen Anbau die Kapazität der Trinkmilchlagerung erweitert und ein neues Labor zur Qualitätsüberwachung eingerichtet.

Um im Wettbewerb bei steigenden Qualitätsanforderungen bestehen zu können musste über Rationalisierung nachgedacht werden. Hatten bisher 7 Milchfuhrleute mit zunächst Pferde-, zuletzt Treckergespannen täglich die Milch bei fast 200 Bauern in 20-Liter-Kannen eingesammelt, bei der Molkerei angeliefert und eventuell Milchrückgaben und Futtermittel wieder bei den Bauern abgeliefert, wurde 1965 dieses System auf Genossenschaft eigene Milchsammelwagen umgestellt. Dazu musste eine Garage für die zwei Tankwagen erstellt werden mit Einrichtungen für Reinigung der Tanks und Sammelvorrichtungen, um den Hygieneanforderungen für Lebensmitteltransport gerecht zu werden. Das Betriebsgelände der Molkereigenossenschaft hatte in dieser Zeit seine größte Ausdehnung erreicht und umfasste die gesamte heutige Wohnbebauung zwischen Hartefelder Markt, Waerderweg und Molkereiweg.

Der Molkereikomplex um 1965 (noch freie Sicht von der Friedhofstraße aus)

Das 75-jährige Jubiläum wurde 1967 im Festzelt auf dem Marktplatz gefeiert, kurz nach der Kirmes. Man feierte groß, wohl schon in der Vorahnung, dass es zum 100-jähringen vielleicht nichts mehr zu feiern gäbe.

Gleichzeitig mit der Einführung der Tankwagen und der dadurch gegebenen Möglichkeit des Transport von Milch und Sahne zwischen den Betrieben wurde eine Kooperation mit der Nachbarmolkerei in Issum möglich, die 1968 zur Fusion beider Betriebe zur „Molkerei- und Warengenossenschaft Issum-Hartefeld eG“ führte. Die Milchverarbeitung in Hartefeld wurde allerdings alsbald eingestellt, die Milch wurde mit den Tankwagen von den Bauern direkt zu den Großmolkereien wie z.B. Krefeld, Moers, Köln etc. gebracht. Die beiden Betriebe konnten so noch viele Jahre als Warengenossenschaft erfolgreich weitergeführt werden.1991 kam es dann zur Fusion aller noch verbliebenen Molkereigenossenschaften des früheren Kreises Geldern zur „Molkerei- und Raiffeisenwarengenossenschaft Gelderland eG“. Damit war die Molkerei in Hartefeld Geschichte, genauso wie es praktisch allen Molkereien am Niederrhein ergangen ist.

So notwendig die Gründung der Molkereigenossenschaft 1892 war, so notwendig und erfolgreich jeder Erweiterungsschritt einhergehend mit dem technischen Fortschritt im Laufe der Jahre, sowohl in der Landwirtschaft als auch in der Milchverarbeitung und besonders bei den Verbrauchern, so konsequent kamen auch zunächst das Ende des Molkereibetriebes und später das Ende der Genossenschaft. Von den fast 200 Milcherzeugern im Einzugsgebiet der Molkerei in Hartefeld in den 1950-er Jahren sind heute weniger als 10 übrig geblieben, die ihre Milch jetzt direkt an wenige verbliebene Großmolkereien abliefern.

Es ist dem Engagement des örtlichen Architekten H. Forthmann zu verdanken, der das ganze Areal der Genossenschaft übernommen hatte und zum Wohngebiet umgestaltet hat und dabei die Ansicht des einst ortsbildprägenden Molkereigebäudes in Form des oben erwähnten Hauses Hartefelder Markt 4 dort integriert und damit der Ortschaft erhalten hat.

Wer weitere Details zur Geschichte unserer ehemaligen Molkerei in Hartefeld erfahren möchte, der sei auf die Abhandlung von Hans van de Kamp, dem langjährigen Geschäftsführer der Genossenschaft, verwiesen, veröffentlicht als Heft 2: „Unsere Molkereigenossenschaft seit ihrer Gründung 1892“, aus der Reihe „Lang, lang ist´s her...“  des Heimatvereins, das auch Basis für diese Kurzfassung ist.

Gerd van de Kamp

 


2021-03-31

Positive Nutzungsänderung - Teil 2: Von der Pfarrerwohnung zur Frühstückspension.


kein Werbefoto, jedoch sind die Bauabschnitte gut zu erkennen


Als nach fast 200 Jahren kein Bedarf für eine Pfarrerwohnung in Hartefeld mehr bestand, kam das Gerücht auf, das alte Pfarrhaus solle abgerissen werden und Eigenheime gebaut werden. Viele meckerten, zwei handelten. Isabelle van de Kamp-Böhm und ihr Mann Marcus Böhm entwickelten ein überzeugendes Konzept, „um das Haus als solches zu erhalten und etwas Sinnvolles für die Ortschaft zu erreichen“. So erwarben sie 2016 das Haus und begannen mit dem Umbau zu einer Frühstückspension. Die Philosophie war „so viel Neues wie nötig, so viel Altes wie möglich“. Mit sehr viel Eigenleistung und der Hilfe von Familie und Freunden konnte das Projekt realisiert werden. „Isa“ und „Mulla“ (Marcus von Ulla) haben viele Freunde; sie haben sich über viele Jahre sehr aktiv in die Jugendarbeit und Vereinsarbeit unserer Gemeinde eingebracht und tun dies auch heute noch.

Bereits von außen sind drei Bauabschnitte zu erkennen. 1822- so eine Jahreszahl am Haus- konnte der zweite Hartefelder Pastor, ein Kapuzinerpater aus Geldern wohl einziehen. 110 Jahre später kam der erste Anbau. „…. auch der 3. Plan des Pfarrers (Jakob Hünnekens) für ein neues Pfarrhaus wurde als zu kostspielig abgelehnt, obwohl das bisherige verwohnt, feucht und kalt und seit 1822 immerhin 108 Jahre alt war. Jedoch durfte er wenigstens einen Anbau errichten mit Vorrats-, Koks- und Heizungskeller“.

Fast 90 Jahre später, im Oktober 2016 begann der Neubau mit Garage, Wirtschaftsräumen, Sanitäranlage für Nichtpensionsgäste und 2 Gästezimmern. Der Wunsch Altes zu erhalten brachte manchen nicht vorhergesehenen Zeitverzug. Allein die Feldbrandsteine zu bewahren, die anfielen, als die Türen zur Sonnenterrasse eingebaut wurden (und die wurden ja noch benötigt) erforderte viel Zeit. „Tagelang habe ich jeden Stein einzeln ausgebrochen, ihn gereinigt und gehofft, dass er mir nicht in der Hand zerfällt“.

Der alte originale Fußboden coronatauglich

Beginnen wir unseren Rundgang durch das Haus. Durch die im Original erhaltene Eingangstür tretend fällt sofort der schöne Fußboden auf, der sich bis in den ersten Anbau erstreckt. Rechts und links sind die Frühstücksräume für die Pensionsgäste, und am Samstag und Sonntag ist genügend Platz für die zahlreichen Liebhaber des Frühstücksbuffets. Die Familie Böhm kann ca. 50 Gäste bewirten und hat noch ca. 30 Plätze auf der Sonnenteeasse. Tische und Stühle im Gastraum sind natürlich neu, die Schränke, Anrichten antik. Der Raum, in dem das reichhaltige Buffet aufgebaut wird, ist bereits Anbau eins. Die Stuckarbeiten an den Decken im Erdgeschoss sind original, Kunststoffteile wurden entfernt.  Über die Treppe im Anbau zwei erreichen wir im Obergeschoss den Bereich der 6 Gästezimmer. Jedes ist mit Bad, Internet, WLAN, LAN ausgestattet. Die Einrichtung ist eine gewünschte Kombination aus alt und neu. Betten, Zimmertüren (Brandschutz) und Badezimmer sind natürlich neu, in jedem Zimmer ist jedoch die Badezimmertür eine original Pfarrhaustür und der Schrank ist entweder wie unten ein Familienerbstück oder ein aufgearbeitetes Stück aus Antiquitätengeschäften.

Isabelle als gelernte sehr gute Köchin legt natürlich Wert auf regionale, saisonale, frische Produkte. Selbst gemachte Marmeladen, frisch gekochter Milchreis, Obstsalat mit Früchten der Saison, Rührei aus frischen Eiern, das sind die Markenzeichen des reichhaltigen Frühstücksbuffets, bei dem auch Rücksicht auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten genommen wird. Familienfeiern in kleinem Rahmen auch mit Mittagessen, Abendessen oder kleine Trauerfeiern sind nach Absprache möglich.

Mit Begeisterung erinnern sich die Mitglieder des Heimatvereins an das Spargelmenü am Familientag 2019. Hier brachten wir die Köchin sehr ins Schwitzen, da alle noch einen Nachschlag der super leckeren Spargelsuppe wünschten und Isa befürchtete, dass der Hauptgang verkochen würde. Selbstverständlich hatten wir sofort für den Familientag 2020 ein Champignonmenü bestellt, leider musste dieser wegen Corona ausfallen.

Die Pensionsgäste sind in erster Linie Fahrradtouristen, Geschäftsreisende und Gäste von Familien im Ort. Manches Mal wird für eine Familienfeier das ganze Haus gebucht und, falls es mal eine Überbuchung durch die Gäste gibt, regeln Josefine und Gerd van de Kamp das problemlos. Als Vorteil ist es zu sehen, dass Gäste der Frühstückspension mit der Dorfschmiede ein fußläufig zu erreichendes Lokal vorfinden, in dem abends noch gegessen und ein oder zwei  Bier getrunken werden kann.

Wir hoffen alle, dass wir uns bald wieder im „Alten Pfarrhaus“ zum Frühstücken treffen können.

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2021-03-16

Positive Nutzungsänderung   -  Teil 1: vom Kotten zum Landcafé.


 

An der Ecke Meiersteg / Hanrathsweg befand sich ein Kotten, den die Familie Hanrath, später Schmitz nach dem 2 Weltkrieg kaufte. Es war eine Nebenerwerbslandwirtschaft, die jedoch über so viel Fläche verfügte, dass im Gegensatz zu den „Ochsenbauern“ ein Pferd gehalten werden konnte. Frau Katharina Steudle geb. Schmitz hatte noch mehrere Jahre in diesem Haus gelebt, bis die Familie umzog und das Haus in einen jahrelangen Dornröschenschlaf verfiel. Nach dem Tod von ihrem Vater Herrn Schmitz kam die Frage auf, „was machen mit dem alten Haus“?
Zum Glück für unsere Ortschaft kam die sicherlich egoistische Anregung „ihr könntet doch in Opas altem Kotten ein Café aufmachen“. Zudem wollte Frau Steudle das Elternhaus im Familienbesitz behalten und „Café“, da kannte sie sich aus.
Das Ehepaar Steudle hatte von 1976 bis 2003 das „Café Monka“ als Pächter betrieben. Der in Schwenningen geborene Konditormeister Wolfram Steudle war bekannt für seine hervorragenden Kuchen- und Tortenkreationen. So war es für alle ein großer Verlust, als das Ehepaar 2003 das Café aufgab, um den wohlverdienten Ruhestand zu genießen. Offensichtlich war das aber nichts für das rührige Ehepaar und so einigte man sich mit den Geschwistern und übernahm 2005 das alte Gemäuer um, wenn auch in kleinerem Umfang, weiter Gäste zu verwöhnen.

 

 

Vom Gelderner Stadtarchivar wurde das Haus als „erhaltungswürdig“ eingestuft, was für den geplanten Umbau Vorgaben und Einschränkungen nach sich zog.
Treten wir einfach mal ein. Durch den früheren Kohlenschuppen, der erweitert werden durfte, um Garderobe und neue Toiletten zu installieren, betreten wir linker Hand den Gastraum, in dem in früheren Zeiten der Pferdewagen stand. Zu diesem Raum führte ganz früher ein Tor, das später zugemauert worden war. Weil ehemals dieses Tor war, durfte jetzt ein großes Fenster auf der linken Seite eingebaut werden. Weiter Richtung Theke, hinter den alten Balken, die nicht beseitigt werden dürfen, war der Platz für das Pferd, 2-3 Kühe, rechter Hand Schweinestall, Geflügel und eine kleine Stalltür. Daraus ergab sich die Möglichkeit für das Rundbogenfenster mit Zugang zur Terrasse. Die heutige Empore war der Raum für Heu, Stroh und andere Feldfrüchte. Der Beginn des Wohnbereichs ist (rechts) an den scheinbar alten Feldbrandstein-Mauern zu erkennen, die errichtet werden mussten, um die Größe der 2 Zimmer zu dokumentieren. Der Bereich der alten großen Wirtschaftsküche links durfte den Bedürfnissen eines Cafés angepasst werden. Die ehemalige Eingangstür für die Menschen ist an der Nordseite des Hauses zu sehen.
Für den Umbau legte die Familie Steudle Wert darauf, dass heimische Handwerker, Maurer, Zimmerleute, Schreiner, Installateure, Elektriker beauftragt wurden. Die Mauern hatten kein Fundament, nur eine dünne Kiesschicht und der Fußboden war gestampfter Lehm. Die Außenmauern durften nur stückchenweise abgerissen und mit Fundament versehen aufgebaut werden. Es wurden jedoch kleine Änderungen, wie die großen Fenster und die Dachgauben erlaubt. Es wurde ein heller freundlicher Raum, in dem wieder Kuchen und Torten angeboten werden sollten, die vom Sohn der Familie, Konditormeister Jochen Steudle, in der Backstube in Geldern hergestellt werden.
Alles war bereit für die Eröffnung zum 1. September 2006. Einen Tag vor der Eröffnung wurde durch einen Brandanschlag der ganze Gastraum schwer beschädigt. Viele hätten jetzt aufgegeben, jedoch nicht die Familie Steudle. Bereits am 2. November 2006 konnte das „Landcafé Steudle“ eröffnet werden und es wurde sehr gut angenommen. Schon nach kurzer Zeit war es sinnvoll Plätze zu reservieren, denn das Café verfügt nur über max. 60 Innenplätze. Auch die ewige Baustelle Meiersteg konnte die positive Einstellung der Besitzer nicht trüben „und wenn Corona vorbei ist, gibt es auch wieder das Buffet und das Café wird auch wieder geöffnet“. Ich lerne daraus: Optimismus hält jung.
Hoffentlich gibt es bald wieder Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 09.30 - 12. 00 Uhr das reichhaltige Frühstücksbuffet. Täglich, außer Dienstag, gibt es dann wieder von 14.00-18.00 Uhr Kaffee, Torten, Kuchen - auch zum Außerhausverkauf - und kleinere Gerichte. Was gibt es schöneres, als auf der großen Sonnenterrasse ein selbstgemachtes Eis zu genießen? Natürlich besteht dann auch wieder die Möglichkeit nach Absprache für kleinere Gesellschaften Sondertermine zu vereinbaren.  

 

 

Günter Wochnik

 

 

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2021-02-28

Der Geschichtsstein in Hartefeld

„Wenn ich einen Stein vor mir habe, muss ich den zunächst überall anfassen. Der Stein sagt mir dann, was aus ihm entstehen soll“ so der Steinmetzmeister Josef Kleinmanns aus Nieukerk.
Heraus kommen dabei Grabsteine mit besonderer Aussagekraft, aber gelegentlich auch Steine, bei denen er eine andere Bestimmung empfindet.

Daher trat er 1996 mit folgendem Projekt an den Heimatverein heran: „Ich habe einen Serpentin, in den ich ein fortlaufendes Schriftband einschlagen möchte. Ich schenke euch den bearbeiteten Stein, wenn ihr mir genügend freien Text zusammenstellt. Dann geben wir den Stein wieder an anderem Ort der Natur zurück.“

Wir fanden die Idee toll und unsere Mitglieder Elisabeth Görtz und Werner Kiesel machten sich an die Arbeit, die Geschichte von Hartefeld-Vernum aufzuschreiben. Josef Kleinmanns „meißelte unsere Geschichte in Stein“ und 1998 konnte der Serpentinfindling in einer kleinen Feierstunde der Stadt Geldern übergeben werden. Seither steht er an der Ecke Dorfstraße – Woltersweg.

Für alle, die sich in unserer schnelllebigen Zeit nicht der meditativen Mühe unterziehen möchten die Buchstaben zu Worten, zu Aussagen zu erarbeiten, hier der Text:

Hartefeld

Im 13. Jahrhundert erstmals als Hirtenveld oder Hertenveld erwähnt, ist Honschaft der Vogtei Gelderland. 1387 in einer Steuerliste werden acht Siedlungen genannt. Vor 1460 erbauen die Bewohner Hartefelds und Vernums eine Kapelle zu Ehren des heiligen Antonius. 1460 schenkt Herzog Arnold von Geldern den Einwohnern Hartefelds und Vernums 10  holländische Morgen Land für den Unterhalt der Antoniuskapelle. Um 1595 wird dieses Land nicht mehr bewirtschaftet. Die ehemals acht Häuser oder Wohnstätten sind durch das Kriegsvolk in Geldern abgebrochen und verbrannt worden. Ab 1626 beginnen die Arbeiten zum Bau der Fossa Eugeniana und nord - ostwärts Hartefelds wird eine Schanze errichtet. 1635 die Kroaten überfallen Hartefeld. Ausbruch der Pest die viele Menschen dahinrafft. 1657 erster Hinweis auf Schulunterricht in einem Bauernhaus. 1750 westlich der Kapelle entsteht eine  Küsterwohnung mit Schulzimmer. Ab 1754 gehen die Vernumer Kinder zur Schule nach Hartefeld. 15. Juni 1804 die Kirche in Hartefeld wird von Nieukerk abgepfarrt und erhält eigene Pfarrrechte. 1. Juni 1812 Grundsteinlegung der Pfarrkirche. 1818 Einwohnerzahl Hartefelds 318. 1822 Bau des Pastorats.
1827 Neubau Küsterei und Schulzimmer. 1830 errichtet man in Hartefeld einen Schulneubau. 1843 Hartefeld hat 359 Einwohner. 1845 die Kaplanei wird erbaut. 1892 14 Bauern aus Hartefeld, Vernum und Poelyck gründen die Molkereigenossenschaft Vernum zu Hartefeld und Neubau des Molkereigebäudes.
1893 gründen Bürger aus Hartefeld und Vernum den Spar- und Darlehnskassenverein Vernum zu Hartefeld. 1894 die Kirche wird vergrößert. 1901 erhielt die Kirche ihren Turm. 1908 gründen die Bürger aus Hartefeld und Vernum die freiwillige Feuerwehr. 1914 legt man im Süden Hartefelds die “Bahnekull” an, die vorgesehene Eisenbahnlinie darf nach Ende des 1. Weltkrieges nicht eingerichtet werden. 01.12.1946 die Gemeinde Vernum mit Sitz in Hartefeld bekommt eine eigene Amtsverwaltung. Die erste Amtsstube ist in der Gaststätte Forthmann. 1951 Bau des Gemeindehauses. 1953 Neubau der Schule heutiges Jugendheim und Kindergarten. 1961 erhält die Gemeinde Vernum ihr eigenes Wappen. 1966 Bau des Rathauses. Ein neues Schulgebäude mit Turnhalle wird hinter der alten Schule erbaut. Seit 01.07.1969 ist die Gemeinde Vernum in 2 Ortschaften aufgeteilt. Hartefeld wird Ortschaft im Stadtgebiet Geldern und trägt seitdem die Bezeichnung Geldern-Hartefeld. 1970 die kath. Kirchengemeinde richtet einen Kindergarten für 30 Kinder ein. 1995 haben 1793 Einwohner ihren Wohnsitz in Hartefeld. 1997 errichtet der Heimatverein Hartefeld-Vernum e.V. im 6. Jahr seines Bestehens diesen Geschichtsstein.

Material des Steines: Seroentin Findling
Bestandteile: Feldspat - Quarz - Glimmer
Gewicht: ca. 1,8 t
Gefüge: dicht, metamorphores Gestein durch Wasser geglättet
Bearbeitung: Bruch rauh
Schrift: vertieft und erhaben eingeschlagen
Fundort: Italienische Schweiz
Steinmetzmeister: Josef Kleinmanns

Heimatverein Hartefeld / Vernum e.V

PS.: nach weiteren Recherchen kommt Hartefeld 1444 urkundlich zuerst als Hirtenveld vor. W. K.

2021-02-14

Urkunde Vernum - Hartefeld

Liebe Mitbürger

 

Vor ca. 25 Jahren bekam ich von dem am Niederrhein bekannten Sammler und Hartefelder Urgestein Johannes Kisters (verstorben) eine „Chronik“ der Gemarkung Vernum geschenkt.
Ich kenne weder den Verfasser, noch wer diese „Chronik“ aufgelegt hatte. Auch die Auflagenhöhe ist mir nicht bekannt. Wie ich feststellen konnte ist sie jedoch nicht sehr bekannt. Daher möchte ich Ihnen zumindest eine Abschrift des Textes zur Verfügung stellen.

Die in der „Chronik“ angegebenen Daten, Personen, Orte und Fakten, Schreibweise dürfen von mir folglich nicht verändert werden. Auch Kommentare und Interpretationen erscheinen mir nicht zulässig. Lediglich die Schrift ist von mir verändert worden; ich füge jedoch zwei Bilder bei, damit Sie - lieber Heimatfreund - einen besseren Eindruck vom Original gewinnen können.

Einen Hinweis muss ich doch geben. Es muss sicherlich „terra sigillata“ heißen.

Günter Wochnik


Vernum – Hartefeld

 

Hoogpoelyck Leegpoelyck Heiderp Dypt Neufeld Baersdonk Kengen

In dem engen Rahmen dieser Kurzchronik können natürlich nur die wichtigsten geschichtlichen Ereignisse Erwähnung finden. Der Sinn dieser Handschrift soll es sein, der Allgemeinheit, dem Besucher und vor allem unserer Jugend die altehrwürdige Heimatgeschichte nahezubringen.
Prähistorische Funde, wie z.B. die Steinbeile aus der Gelderner- und Holthuysener - Heide sowie das Bruchstück eines spitznackigen Beiles auf dem Grundstück von Krachs beweisen, dass unsere engste Heimat schon in der Jungsteinzeit vor etwa 3000 Jahren teilweise besiedelt war. Die vielen Schlackenfunde in Hartefeld, Vernum und in Leegpoelyck weisen auf das letzte vorchristliche Jahrtausend der sog. Eisenzeit hin. Als die Römer im letzten vorchristl. Jahrh. an den Niederrhein kamen, fanden sie hier eine keltisch-germanische Mischbevölkerung, die „Cugerner“ vor. Die Römerzeit, die bedeutendste Epoche der Frühzeit, hat auch bei uns ihre Spuren hinterlassen. So wurden zwischen Ravens- und Ottenhof Urnen, in Heiderp südlich von Nevenhof zahlreiche römische Scherben aus „terra - fillilata“ und ebenso in Hoogpoelyck gefunden, die auf eine römische Ansiedlung schließen lassen. Im Gastendonker Feld wiederum waren es 91 Münzen, ein Krug und viele Teilstücke. Am Boschwall in der Poelyck- Holthuysener Heide konnte man u.a. zwei Begräbnisstätten aufdecken. Doch erst mit Verfall der römischen Herrschaft am Rhein um das Jahr 400 n. Chr. und mit der Landnahme der germanischen Völkerschaft der Franken, ab 5. Jh., beginnt unsere eigentliche Heimatgeschichte.
Unsere ältesten Höfe, wie auch ringsum die alte Vogtei, liegen alle am Abhang, zum Bruch, also dem Wasser zu; was eindeutig Siedlungsart und Ursprung in frühfränkischer Zeit bezeugt. Mit Karl dem Großen, 742 - 814, tritt auch unsere engste Heimat in das Blickfeld der Geschichte. Anno 812 wird die Vogtei Gelderland erstmals urkundlich erwähnt, 843 kommt das linksrheinische Gebiet an Lothar und wird Lothringen um dann 925 unter Heinrich I. dem Deutschen Reich einverleibt zu werden.
Die heutige Gemeinde Vernum bildete mit den Honschaften (Hundertschaften) Winternam, Eyll, Stenden, Schaephuysen, Rheurdt und Sevelen seit alten Zeiten die Vogtei Gelderland. Dieselbe war wiederum der Kern des Gelderlandes, welches 1079 zur Grafschaft und 1339 zum Herzogtum erhoben wurde. Dazu gehören vier Verwaltungsbezirke, sog. Quartiere, die nach ihren Hauptstädten Nymwegen, Arnheim, Zütphen und Roermond hießen. Das Amt Geldern mit der Vogtei bildete einen Teil im Oberquartier Roermond, Vernum, früher Virnhem, kommt erstmals in einer Schenkungsurkunde aus dem Jahre 1201 vor, als „Graf Otto van Gelre“ einen Wildberg dem Kloster Bedburg schenkte, was ein „Everhardus de Vernoen“ bezeugte. Der Ortsname bedeutet etwa „vier Heime oder Anwesen“; die Endsilben hem, en, om und um sind eine frühe Form des fränkischen Wortes für Heim. 1331 war ein „Johann van Vyrnem“ Schöffe in Geldern und 1336 bezeugten die vereidigten „Laten van Vernhem“, dass das Gut Vernhem Erbe Dederic van Aldenhaven sei. Hartefeld wird 1387 mit Hirteveld erwähnt. Den Namen einfach mit Hirschfeld zu deuten, ist vermutlich unrichtig; vielmehr deutet der Name auf das keltische Wort Hard, was soviel wie Anhöhe heißt. Ebenso kommt der Name Poelick aus dem Keltischen und bedeutet etwa „Gehöft an der Wasserpfütze“. Nach einem Honschaftsregister des 14. Jahrhunderts zählte die Honschaft insgesamt 22 Höfe. Als „feste Häuser“, also als Rittersitze sind Mönsterhof, Grotelaers und Ravenshof nachgewiesen.
Kulturelle Keimzelle für unser Gebiet und weit über den Niederrhein hinaus wurde die 1123 gegründete Zisterzienserabtei Kamp. Ihr ist auch der Ursprung der Holthuysener Brigitta – Kapelle zuzuschreiben. Aus dieser Zeit stammt vermutlich nur noch der Bildstock. Der heutige Backsteinbau wurde 1755 erbaut, als die „heete korts en den buikloop“, das hitzige Fieber und die Ruhr herrschten. Unserer Pfarrkirche ging die Errichtung einer St. Antonius - Kapelle im Jahre 1460 voraus Herzog Arnold von Geldern u. Jülich aus dem Hause Egmont schenkte der Kapelle zehn holländische Morgen Landes in Neufeld zu deren Erhaltung. Seitdem 15. Juni 1804 ist Hartefeld selbständige Pfarrei. 1812 war dann die Grundsteinlegung zur neuen Kirche. Daraus ist auch die stärkere Entwicklung Hartefelds als Pfarrort gegenüber den anderen Gemeindeteilen zu erklären.
Alle Kriegs- u. Notzeiten hier aufzuzählen ist nicht möglich, doch sahen unsere Altvorderen im Laufe der Jahrhunderte Holländer, Spanier, Franzosen, Kroaten und andere Kriegsvölker. Viele Seuchen (woraus sich auch das St. Antonius - Patrozinium erklärt), manche Drangsal und Schrecken waren besonders während der Religionskriege des 16. Jahrh. und des 30-jährigen Krieges zu erdulden, der unsere Heimat zeitweise fast entvölkerte. War das Gelderland 1079 noch selbständig, so kam es 1371 an das Herzogtum Jülich und Kleve, 1482 an Österreich u. dann bis 1543 an das Königreich Burgund. Ab 1543 wechselte der Besitz zwischen den Niederlanden (Generalstaaten) u. dem Königreich Spanien. Zeuge dieser Zeit ist die Fossa Eugeniana, die Rhein und Maas verbinden sollte. 1713 von Preußen erobert, wurden wir 1795 französisch besetzt, um 1801, im Frieden von Luneville, mit dem gesamten linksrheinischen Gebiet Frankreich einverleibt zu werden. Das Gebiet unterstand damals dem Roer - Departement. Die Befreiung von der franz. Herrschaft wurde am
11. April 1814 gefeiert. Bei der sich bildenden politischen Gemeinde gehörte Vernum mit seinen Orten zur Bürgermeisterei Sevelen und bis 1946 zum Amt Sevelen, um dann selbständige Gemeinde zu werden.
Unsere Einwohnerschaft, in Sprache und Wesen dem Holländischen stark verwandt, war immer überwiegend bäuerlich mit einer alteingesessenen Handwerkerschaft. In der Neuzeit hat das nahe Industriegebiet vielen, besonders Neubürgern Arbeit und Brot gegeben. Im Großen und Ganzen konnte aber bei uns neben dem einzigartigen Reiz der Landschaft auch das Alte bewahrt werden. Neues hingegen schuf Fleiß und Unternehmergeist der Einwohnerschaft gepaart mit der planenden Arbeit von Rat und Verwaltung. So konnte die Kanalisation und Wasserversorgung durchgeführt und eine 6 klassige neue Schule erbaut werden. Zum Gemeindegebiet gehört ein Straßennetz von rund 40 km. Mit einer Einwohnerschaft von rund 1950 Seelen möge unser heute blühendes Gemeinwesen weiterschreiten auf dem Wege einer glücklichen Entwicklung.

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