Heimatverein Hartefeld Vernum e.V.

 

Rund um den Kirchturm

2021-05-15

Ausgestorbene Berufe - Die Milchfuhrleute

Im Rahmen unserer Ausflüge „Betriebe in unserer Nähe“ bekamen wir einen Eindruck von der Milchgewinnung in unserer Zeit vermittelt. Gleichgültig ob im Melkstall bei H.-J. Tombergs, oder beim kuhbestimmten Melkroboter der Käserei Straetmans in Stenden, die Milch befindet sich in einem fast geschlossenen, ständig gekühlten System. Aus dem Euter in den gekühlten Sammelbehälter, in den hygienisch einwandfreien Spezialtransporter, zur Molkerei um dort verarbeitet und keimfrei verpackt zu werden.

Früher wurden die Kühe von Hand gemolken. Dies war eine schwere Arbeit, sodass ab etwa 20 Kühen die Einstellung eines Melkers, auch Schweizer genannt, sinnvoll wurde. Die Milch kam in den Melkeimer, von dort nach dem Absieben des groben Schmutzes in die Milchkanne und direkt in die Küche zur zügigen Verarbeitung, Verwertung, denn Kühlsysteme gab es noch nicht.

Milchlieferung an der Molkerei mit Pferdegespann

Dies änderte sich, als 1892 in Vernum zu Hartefeld die Molkerei gegründet wurde. In den ersten Jahren war für die Milchanlieferung der Milchbauer selbst verantwortlich, wobei die größeren Bauern den Pferdewagen benutzten. Die kleineren Bauern spannten den Hofhund, oder eine Ziege vor einen Karren oder brachten die Milch persönlich zur Molkerei. Teils wurden zwei Milchkannen an den Lenker des Fahrrades gehängt, teils „spannten“ sich die Kleinlieferanten selbst vor originellen Selbstbauten. Nach und nach bildeten sich Nachbarschaften, die im wöchentlichen Wechsel die Anlieferung der Milch übernahmen. War die Molkerei zunächst nur als Schlichter bei Streitigkeiten wegen gerechter Einteilung und Entlohnung gefragt, reifte langsam die Einsicht, dass es wirtschaftlicher war, dieses logistische Problem der Molkerei gänzlich zu übertragen. Landwirte, die keinen Vollerwerbsbetrieb hatten, wurden von der Molkerei als Milchfuhrleute eingestellt. Die Bauern stellten Pferd und Wagen, bzw. später den Traktor mit Anhänger und konnten so durch den Auftrag der Molkerei ihren Unterhalt bestreiten. Die Entlohnung erfolgte einheitlich für das gesamte Milcheinzugsgebiet monatlich nach transportierten Litern. Der Milchfuhrmann war folglich ein Subunternehmer, oder auf Neudeutsch ein „Scheinselbstständiger“. Die Fuhrleute hatten die Höfe anzufahren, dort standen schon die verzinkten, schweren 20 Liter Milchkannen bereit. Diese wurden aufgeladen und zur Molkerei gefahren. Nachdem die Kannen geleert und gesäubert waren, wurden sie mit den Produkten, die die Bauern zurückerstattet bekamen, gefüllt. Dies waren Molkereiprodukte, aber auch Materialien für die eigene Landwirtschaft wie Hühnerfutter, Düngemittel u.v.m.. Natürlich durfte die Tageszeitung nicht fehlen. Bis zu 100 solcher Milchkannen betreute täglich jeder Fahrer. Diese Tätigkeit forderte nicht nur Kraft, sondern eine gehörige Portion Routine und natürlich Pünktlichkeit.

Treckergespann an der Molkerei

Den Bezirk Vernum betreuten Michael Druyen und Sohn Peter, Johann Kuenen fuhr für Frau Bueren deren Aufgabe später Johann Perau übernahm, danach fuhr Wilhelm Melles und Johannes Clancett diesen Bezirk ab. Für Holthuysen und Hochpoelyck fuhren Johann Hinzen und Sohn Heinrich, Vernum und Neufeld wurde durch Theodor Papen und Peter Cleve versorgt. Anton Leenen, Dackenhof, fuhr für Winternam und Vernum. Die Strecke Winternam und Baersdonk erledigte Theodor Klanten mit seinem Sohn Peter. Poelyck wurde versorgt von Hubert Voß, später von Gerhard Jahnsen. Anton Tebernum und Johann Tomberg befuhr ab 1953 Heiderp. Um die Logistik zu garantieren, benötigte die Molkerei für die Bezirke 7 Milchfuhrleute. Nach und nach übernahmen die festangestellten Fahrer der Molkerei mit ihren Lkws, die Tätigkeit der Milchfuhrleute.
(Auszug Kalenderblatt Juli 2000)


Milchfuhrleute um 1965

Wie aus der Aufstellung von 7/2000 abgeleitet werden kann teilten sich zum Teil mehrere Fahrer einen Bezirk, denn die Abholung der Milch musste absolut gesichert sein.

Es ist selbsterklärend, dass es diesen Beruf nicht mehr geben kann. Schon mit Beginn der Motorisierung wurden die pferdgezogenen Transporte auf Traktoren umgestellt. Später kaufte unsere Molkerei eigene, spezielle Sammel-LKWs die rechtsgesteuert waren, damit der Fahrer besser an den mittlerweile vorhandenen Milchsammelbehälter des jeweiligen Hofes andocken konnte. Also ein Beruf für ein Bauernhofmuseum.

Günter Wochnik

2021-04-30

Wo ich wohne - die Friedhofstraße,

Mit der Einweihung des neuen Friedhofes am 30. September 1846 hinter der Kaplanei, wurde auch ein Stichweg zum neuen Friedhof angelegt. Zuvor lag der Friedhof um die immer wieder erweiterte ursprüngliche Kapelle, die Silvester 1808 zur selbstständigen Kirche erhoben wurde.

Ausschnitt der Amtskarte 1957 - 1964

Vermutlich mit den Bebauungsplanungen an der Pastoratsstraße und der rechten Seite des Neuhausweges um 1962 wurde der Weg zum Friedhof zur Friedhofsstraße umgewidmet.

Wenn wir die Örtlichkeit betrachten, kann man davon ausgehen, dass das ursprüngliche Areal vermutlich bis zum Ende des Buchengangs reichte, der dem in Hartefeld wohnenden katholischen Pfarrer die Möglichkeit gab im Schatten das Brevier (Stundengebete) zu lesen. Die heute festzustellende Erweiterung des Friedhofs war möglich, da das Ehepaar Herrmann und Anna  Forthmann ( „Tante Anna“ ) der damaligen selbstständigen Gemeinde Vernum ein Stück Land schenkte, das bis zum Waerderweg reichte. Dieses Grundstück durfte 30 Jahre lang nur als Friedhofserweiterungsland genutzt werden. Mit dem Ende der Gemeinde Vernum ging die Landschenkung an die Stadt Geldern als Rechtsnachfolger über.

Zwischen der Kaplanei und der Friedhofstraße wurde am 02.09.1967 das Verwaltungsgebäude (Rathaus) unserer Gemeinde Vernum eingeweiht, das eigentlich nie in Dienst genommen wurde, da Hartefeld-Vernum durch die Gebietsreform zu Geldern kam. Am gleichen Tag wurde auch das neue Feuerwehrhaus eingeweiht. Zuvor war die Garage für das Löschfahrzeug im Haus des Friseursalons Ingenhaag, jetzt Ruth Leurs. Der Friedhof bekam eine Kapelle und hatte wohl seine derzeitige Größe. Auf der anderen Straßenseite entstanden schmucke Wohnhäuser und es waren japanische Kirschen gepflanzt, die im Frühjahr eine Blütenpracht zeigten, die jeden Japaner begeistert hätte. Auf dem Friedhofserweiterungsgelände grasten zur Freude der Kinder Ponys.

1995 trat die Stadt Geldern an den Heimatverein heran mit der Bitte, im Bereich der „Ponywiese“ gemeinsam einen Bürgerpark zu planen. Zusammen mit der Abteilung für Grünordnung und Landschaftspflege wurden mehrere Pläne von "die ganze Fläche wird für den Friedhof benötigt" bis zu "die ganze Fläche wird Bürgerpark" vorgestellt und diskutiert. Einen der Pläne können Sie auf dem Bild sehen. Die Hoffnung auf einen großen Bürgerpark stieg, als Hartefeld als Wasserschutzgebiet eingestuft wurde. Viele werden sich noch an die Diskussionen erinnern, denn es drohte ein Bestattungsverbot und im Dorfentwicklungsplan wurde schon ein neuer Friedhof in Vernum (außerhalb des Wasserschutzgebiets) konzipiert. Derzeitiger Stand ist, dass in Hartefeld weiterhin bestattet werden darf und der Bedarf an Grabstätten kann laut Berechnungen gedeckt werden. Der Friedhof wurde lediglich um ein Feld für Urnenbestattung erweitert.

Alle waren sehr überrascht, als plötzlich auf dem „Friedhof Erweiterungsgelände“ gebaut wurde. „Das ist doch nicht erlaubt“; doch, denn irgendwann war die 30-jährige Zweckbindung abgelaufen. Es entstand ein neuer schöner Kindergarten, der städtische Kindergarten, der im April 1999 eingeweiht werden konnte und Platz für zwei Gruppen bot. Die Adresse ist zwar Waerderweg, aber er ist prägend für die Friedhofstraße. Die noch verbliebenen Kirschbäume, die ihr biologisches Alter bereits überschritten hatten, wurden gefällt und durch neue heimische Bäume ersetzt, es wurden Parkbuchten angelegt und die Straße saniert. Erneut staunten wir, als nach dem Dorfaktionstag am 26.09.1999, den der Heimatverein mit der Verwaltung der Stadt Geldern und dem Amt für Agrarordnung Mönchengladbach organisiert hatte, plötzlich Bagger anrückten und einen nicht im Dorfentwicklungsplan erscheinenden „Dorfanger“ anlegten. Es waren noch Fördermittel übrig, die sonst -typisch deutsch- verfallen wären.

Zurzeit wird wieder gebaut. Der städtische Kindergarten, der sich seit der 20 Jahrfeier Kindergarten „Kindergarten Traumbaum“ nennt, muss erneut erweitert werden. Schon 2012 wurde ein Anbau angefügt, denn die Umstellung auf die Betreuung U 3 (Kinder vom 4. Monat bis 3. Jahr) und Ü 3 (3. Jahr bis Einschulung) erforderte den Anbau eines Schlafraums und eines Bewegungsraums. Aktuell wird Raum für eine dritte Kindergartengruppe mit bis zu 20 Kindern (2-6 Jahre), auch Büro- und Personalräume geschaffen.

Ich glaube, wenn Onkel Herrmann und Tante Anna im Himmel auf ihrer Wolke sitzen und auf ihr Dorf herunterschauen, werden sie sich freuen, dass in Hartefeld so viel Platz für Kinder benötigt wird und dass ihre Schenkung im Interesse der Gemeinschaft verwendet wird.

Günter Wochnik

Fortsetzung wird sein „alte Berufe: der Milchkutscher“.

2021-04-15

Positive Nutzungsänderung - Teil 3:  Die Molkerei in Hartefeld im Wandel der Zeit

Der Rest der Molkerei heute, das Wohngebäude Hartefelder Markt 4


Ungefähr 100 Jahre lang war die Molkerei Vernum mit Sitz in Hartefeld der größte und bedeutendste  Betrieb in der Ortschaft Hartefeld und der früheren Gemeinde Vernum. Heute erinnert daran nur noch das vom Marktplatz aus zu sehende Haus Hartefelder Markt 4, das als einziges von dem früheren Molkereikomplex übrig geblieben ist.

Die Molkerei im Jahr 1892/93

Man schrieb das Jahr 1892 als sich 14 Bauern aus Hartefeld, Vernum und Poelyck zusammen-fanden und die „Molkereigenossenschaft Vernum zu Hartefeld eGmuH“ gründeten, eine der ersten dieser Art am unteren Niederrhein, entsprechend dem Genossenschaftsgesetz von 1889, das maßgeblich von Friedrich Wilhelm Raiffeisen initiiert worden war. Es ging darum, die von den Bauern erzeugte Milch besser zu verarbeiten und bei steigendem Bedarf aus dem wachsenden Ruhrgebiet optimaler zu vermarkten und dadurch die Einnahmen der Bauern zu verbessern. Noch im selben Jahr wurde mit dem Bau des ersten Molkereigebäudes und des Kesselhauses mit dem  typischen, weit sichtbaren Schornstein begonnen, was wohl im folgenden Jahr in Betrieb ging, zur Zufriedenheit der Bauern.


Molkerei mit Warenlager 1905

Probleme gab es jedoch mit dem Wasser, vor allem mit dem Abwasser, das zunächst wie alle Abwässer des Dorfes über offene Kanäle entlang der Dorfstraße zum Landwehrbach abgeleitet wurde, soweit es nicht vorher versickerte oder verdunstete. Den Gestank, der von der weißen Brühe ausging, kann man sich leicht vorstellen. Auf Druck der Behörden wurde 1902 zunächst die tieferliegende Wiese zwischen Molkerei und Dorfstraße, wo heute der Marktplatz ist, zur Versickerung der Molkereiabwässer angepachtet, was aber auf Dauer auch nicht akzeptabel war. So wurde 1904 von der Molkerei ein geschlossener Abwasserkanal entlang der Dorfstraße bis zur Landwehr verlegt, eigens für die Molkereiabwässer.

Im Jahre 1905 wurde zur Erweiterung der Genossenschaft um den Betriebszweig „Warengeschäft“ ein dreistöckiges Mühlengebäude angebaut. Dieses Gebäude, größer als das Molkereigebäude, diente zur Lagerung von Getreide, Ölkuchen und anderen Futtermitteln, die von der Genossenschaft eingekauft, verkauft oder verarbeitet wurden. Dieses Warengeschäft war praktisch der Vorläufer der heute noch in einigen Nachbarorten bestehenden Raiffeisenmärkte.

Das neue Molkereigebäude 1939

Die Genossenschaft florierte in den ersten 20 Jahren recht gut, die Milch wurde über den Bahnhof Nieukerk bis ins Ruhrgebiet nach Essen und Mülheim gebracht, die Zahl der sich beteiligenden Bauern, die damals unbeschränkt haften mussten, wuchs auf 22. Rückschläge gab es durch den 1. Weltkrieg, von denen sie sich erst Mitte der 20er Jahre erholte. Mit neuer Geschäftsführung, stetig wachsender Mitgliederzahl, höherer Milchanlieferung und größerem Umsatz im Warengeschäft, mit besserer Trinkmilchqualität durch LKW-Versand etc. florierte die Genossenschaft, und so wurde 1938/39 das Molkereigebäude erweitert, ein stattlicher Bau mit modernen Räumen und Anlagen für die Milchverarbeitung im Erdgeschoss und Dienstwohnungen für Geschäftsführung und Angestellte im Obergeschoss. Bei der Inbetriebnahme hatte der 2. Weltkrieg bereits begonnen, die Einweihungsfeier fiel aus, ebenso wie Feiern zum 50-jährigen Jubiläum 1942. Die Durststrecke auch für die Genossenschaft dauerte bis 1948, danach ging es wieder bergauf.

Der Molkereikomplex 1958

1952 wurde für das sich prächtig entwickelnde Warengeschäft ein neues Lager für Handelsdünger mit einer Kapazität von 600 t loser Ware und 300 t Sackware im Obergeschoss gebaut. Dazu wurde noch das „Haus der Landfrau“, eine von den Landfrauen geforderte Wäscherei, angebaut, ausgestattet mit den modernsten Maschinen, gefördert von der Landwirtschaftskammer aus dem Marshallplan. Die Einweihung wurde verbunden mit einer Feier zum 60-jährigen Jubiläum im Saale Soesters. Nach 10 Jahren aber wurde der Service Waschen, Mangeln, Bügeln wieder aufgegeben, da inzwischen die meisten Haushalte eine vollautomatische Waschmaschine angeschafft hatten. 1958 wurde das Mühlengebäude von 1905 durch einen zweistöckigen Anbau auf die doppelte Größe gebracht, um dem großen Bedarf an Fertigfutter gerecht werden zu können. Dazu kamen Anlagen zur Trocknung von Getreide und zur Aufbereitung von Saatgut.

Auch das eigentliche Molkereigeschäft lief damals ausgezeichnet und konnte sich im Wettbewerb mit den Nachbarmolkereien gut behaupten, auch wenn sie im Vergleich eher zu den kleineren gehörte. Trinkmilch wurde über die Großmolkereien in Düsseldorf, Mülheim, Essen und andere vermarktet. Butter, Sahne und andere Molkereiprodukte wurden über viele Jahre mit einem eigens dafür angeschafften Verkaufswagen (VW-Bulli) direkt zu zahlreichen Geschäften, Bäckereien, Cafes etc. in den Städten Geldern, Kamp-Lintfort, Moers, Duisburg und Krefeld geliefert. 1962 wurde  mit einem zweistöckigen Anbau die Kapazität der Trinkmilchlagerung erweitert und ein neues Labor zur Qualitätsüberwachung eingerichtet.

Um im Wettbewerb bei steigenden Qualitätsanforderungen bestehen zu können musste über Rationalisierung nachgedacht werden. Hatten bisher 7 Milchfuhrleute mit zunächst Pferde-, zuletzt Treckergespannen täglich die Milch bei fast 200 Bauern in 20-Liter-Kannen eingesammelt, bei der Molkerei angeliefert und eventuell Milchrückgaben und Futtermittel wieder bei den Bauern abgeliefert, wurde 1965 dieses System auf Genossenschaft eigene Milchsammelwagen umgestellt. Dazu musste eine Garage für die zwei Tankwagen erstellt werden mit Einrichtungen für Reinigung der Tanks und Sammelvorrichtungen, um den Hygieneanforderungen für Lebensmitteltransport gerecht zu werden. Das Betriebsgelände der Molkereigenossenschaft hatte in dieser Zeit seine größte Ausdehnung erreicht und umfasste die gesamte heutige Wohnbebauung zwischen Hartefelder Markt, Waerderweg und Molkereiweg.

Der Molkereikomplex um 1965 (noch freie Sicht von der Friedhofstraße aus)

Das 75-jährige Jubiläum wurde 1967 im Festzelt auf dem Marktplatz gefeiert, kurz nach der Kirmes. Man feierte groß, wohl schon in der Vorahnung, dass es zum 100-jähringen vielleicht nichts mehr zu feiern gäbe.

Gleichzeitig mit der Einführung der Tankwagen und der dadurch gegebenen Möglichkeit des Transport von Milch und Sahne zwischen den Betrieben wurde eine Kooperation mit der Nachbarmolkerei in Issum möglich, die 1968 zur Fusion beider Betriebe zur „Molkerei- und Warengenossenschaft Issum-Hartefeld eG“ führte. Die Milchverarbeitung in Hartefeld wurde allerdings alsbald eingestellt, die Milch wurde mit den Tankwagen von den Bauern direkt zu den Großmolkereien wie z.B. Krefeld, Moers, Köln etc. gebracht. Die beiden Betriebe konnten so noch viele Jahre als Warengenossenschaft erfolgreich weitergeführt werden.1991 kam es dann zur Fusion aller noch verbliebenen Molkereigenossenschaften des früheren Kreises Geldern zur „Molkerei- und Raiffeisenwarengenossenschaft Gelderland eG“. Damit war die Molkerei in Hartefeld Geschichte, genauso wie es praktisch allen Molkereien am Niederrhein ergangen ist.

So notwendig die Gründung der Molkereigenossenschaft 1892 war, so notwendig und erfolgreich jeder Erweiterungsschritt einhergehend mit dem technischen Fortschritt im Laufe der Jahre, sowohl in der Landwirtschaft als auch in der Milchverarbeitung und besonders bei den Verbrauchern, so konsequent kamen auch zunächst das Ende des Molkereibetriebes und später das Ende der Genossenschaft. Von den fast 200 Milcherzeugern im Einzugsgebiet der Molkerei in Hartefeld in den 1950-er Jahren sind heute weniger als 10 übrig geblieben, die ihre Milch jetzt direkt an wenige verbliebene Großmolkereien abliefern.

Es ist dem Engagement des örtlichen Architekten H. Forthmann zu verdanken, der das ganze Areal der Genossenschaft übernommen hatte und zum Wohngebiet umgestaltet hat und dabei die Ansicht des einst ortsbildprägenden Molkereigebäudes in Form des oben erwähnten Hauses Hartefelder Markt 4 dort integriert und damit der Ortschaft erhalten hat.

Wer weitere Details zur Geschichte unserer ehemaligen Molkerei in Hartefeld erfahren möchte, der sei auf die Abhandlung von Hans van de Kamp, dem langjährigen Geschäftsführer der Genossenschaft, verwiesen, veröffentlicht als Heft 2: „Unsere Molkereigenossenschaft seit ihrer Gründung 1892“, aus der Reihe „Lang, lang ist´s her...“  des Heimatvereins, das auch Basis für diese Kurzfassung ist.

Gerd van de Kamp

 


2021-03-31

Positive Nutzungsänderung - Teil 2: Von der Pfarrerwohnung zur Frühstückspension.


kein Werbefoto, jedoch sind die Bauabschnitte gut zu erkennen


Als nach fast 200 Jahren kein Bedarf für eine Pfarrerwohnung in Hartefeld mehr bestand, kam das Gerücht auf, das alte Pfarrhaus solle abgerissen werden und Eigenheime gebaut werden. Viele meckerten, zwei handelten. Isabelle van de Kamp-Böhm und ihr Mann Marcus Böhm entwickelten ein überzeugendes Konzept, „um das Haus als solches zu erhalten und etwas Sinnvolles für die Ortschaft zu erreichen“. So erwarben sie 2016 das Haus und begannen mit dem Umbau zu einer Frühstückspension. Die Philosophie war „so viel Neues wie nötig, so viel Altes wie möglich“. Mit sehr viel Eigenleistung und der Hilfe von Familie und Freunden konnte das Projekt realisiert werden. „Isa“ und „Mulla“ (Marcus von Ulla) haben viele Freunde; sie haben sich über viele Jahre sehr aktiv in die Jugendarbeit und Vereinsarbeit unserer Gemeinde eingebracht und tun dies auch heute noch.

Bereits von außen sind drei Bauabschnitte zu erkennen. 1822- so eine Jahreszahl am Haus- konnte der zweite Hartefelder Pastor, ein Kapuzinerpater aus Geldern wohl einziehen. 110 Jahre später kam der erste Anbau. „…. auch der 3. Plan des Pfarrers (Jakob Hünnekens) für ein neues Pfarrhaus wurde als zu kostspielig abgelehnt, obwohl das bisherige verwohnt, feucht und kalt und seit 1822 immerhin 108 Jahre alt war. Jedoch durfte er wenigstens einen Anbau errichten mit Vorrats-, Koks- und Heizungskeller“.

Fast 90 Jahre später, im Oktober 2016 begann der Neubau mit Garage, Wirtschaftsräumen, Sanitäranlage für Nichtpensionsgäste und 2 Gästezimmern. Der Wunsch Altes zu erhalten brachte manchen nicht vorhergesehenen Zeitverzug. Allein die Feldbrandsteine zu bewahren, die anfielen, als die Türen zur Sonnenterrasse eingebaut wurden (und die wurden ja noch benötigt) erforderte viel Zeit. „Tagelang habe ich jeden Stein einzeln ausgebrochen, ihn gereinigt und gehofft, dass er mir nicht in der Hand zerfällt“.

Der alte originale Fußboden coronatauglich

Beginnen wir unseren Rundgang durch das Haus. Durch die im Original erhaltene Eingangstür tretend fällt sofort der schöne Fußboden auf, der sich bis in den ersten Anbau erstreckt. Rechts und links sind die Frühstücksräume für die Pensionsgäste, und am Samstag und Sonntag ist genügend Platz für die zahlreichen Liebhaber des Frühstücksbuffets. Die Familie Böhm kann ca. 50 Gäste bewirten und hat noch ca. 30 Plätze auf der Sonnenteeasse. Tische und Stühle im Gastraum sind natürlich neu, die Schränke, Anrichten antik. Der Raum, in dem das reichhaltige Buffet aufgebaut wird, ist bereits Anbau eins. Die Stuckarbeiten an den Decken im Erdgeschoss sind original, Kunststoffteile wurden entfernt.  Über die Treppe im Anbau zwei erreichen wir im Obergeschoss den Bereich der 6 Gästezimmer. Jedes ist mit Bad, Internet, WLAN, LAN ausgestattet. Die Einrichtung ist eine gewünschte Kombination aus alt und neu. Betten, Zimmertüren (Brandschutz) und Badezimmer sind natürlich neu, in jedem Zimmer ist jedoch die Badezimmertür eine original Pfarrhaustür und der Schrank ist entweder wie unten ein Familienerbstück oder ein aufgearbeitetes Stück aus Antiquitätengeschäften.

Isabelle als gelernte sehr gute Köchin legt natürlich Wert auf regionale, saisonale, frische Produkte. Selbst gemachte Marmeladen, frisch gekochter Milchreis, Obstsalat mit Früchten der Saison, Rührei aus frischen Eiern, das sind die Markenzeichen des reichhaltigen Frühstücksbuffets, bei dem auch Rücksicht auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten genommen wird. Familienfeiern in kleinem Rahmen auch mit Mittagessen, Abendessen oder kleine Trauerfeiern sind nach Absprache möglich.

Mit Begeisterung erinnern sich die Mitglieder des Heimatvereins an das Spargelmenü am Familientag 2019. Hier brachten wir die Köchin sehr ins Schwitzen, da alle noch einen Nachschlag der super leckeren Spargelsuppe wünschten und Isa befürchtete, dass der Hauptgang verkochen würde. Selbstverständlich hatten wir sofort für den Familientag 2020 ein Champignonmenü bestellt, leider musste dieser wegen Corona ausfallen.

Die Pensionsgäste sind in erster Linie Fahrradtouristen, Geschäftsreisende und Gäste von Familien im Ort. Manches Mal wird für eine Familienfeier das ganze Haus gebucht und, falls es mal eine Überbuchung durch die Gäste gibt, regeln Josefine und Gerd van de Kamp das problemlos. Als Vorteil ist es zu sehen, dass Gäste der Frühstückspension mit der Dorfschmiede ein fußläufig zu erreichendes Lokal vorfinden, in dem abends noch gegessen und ein oder zwei  Bier getrunken werden kann.

Wir hoffen alle, dass wir uns bald wieder im „Alten Pfarrhaus“ zum Frühstücken treffen können.

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2021-03-16

Positive Nutzungsänderung   -  Teil 1: vom Kotten zum Landcafé.


 

An der Ecke Meiersteg / Hanrathsweg befand sich ein Kotten, den die Familie Hanrath, später Schmitz nach dem 2 Weltkrieg kaufte. Es war eine Nebenerwerbslandwirtschaft, die jedoch über so viel Fläche verfügte, dass im Gegensatz zu den „Ochsenbauern“ ein Pferd gehalten werden konnte. Frau Katharina Steudle geb. Schmitz hatte noch mehrere Jahre in diesem Haus gelebt, bis die Familie umzog und das Haus in einen jahrelangen Dornröschenschlaf verfiel. Nach dem Tod von ihrem Vater Herrn Schmitz kam die Frage auf, „was machen mit dem alten Haus“?
Zum Glück für unsere Ortschaft kam die sicherlich egoistische Anregung „ihr könntet doch in Opas altem Kotten ein Café aufmachen“. Zudem wollte Frau Steudle das Elternhaus im Familienbesitz behalten und „Café“, da kannte sie sich aus.
Das Ehepaar Steudle hatte von 1976 bis 2003 das „Café Monka“ als Pächter betrieben. Der in Schwenningen geborene Konditormeister Wolfram Steudle war bekannt für seine hervorragenden Kuchen- und Tortenkreationen. So war es für alle ein großer Verlust, als das Ehepaar 2003 das Café aufgab, um den wohlverdienten Ruhestand zu genießen. Offensichtlich war das aber nichts für das rührige Ehepaar und so einigte man sich mit den Geschwistern und übernahm 2005 das alte Gemäuer um, wenn auch in kleinerem Umfang, weiter Gäste zu verwöhnen.

 

 

Vom Gelderner Stadtarchivar wurde das Haus als „erhaltungswürdig“ eingestuft, was für den geplanten Umbau Vorgaben und Einschränkungen nach sich zog.
Treten wir einfach mal ein. Durch den früheren Kohlenschuppen, der erweitert werden durfte, um Garderobe und neue Toiletten zu installieren, betreten wir linker Hand den Gastraum, in dem in früheren Zeiten der Pferdewagen stand. Zu diesem Raum führte ganz früher ein Tor, das später zugemauert worden war. Weil ehemals dieses Tor war, durfte jetzt ein großes Fenster auf der linken Seite eingebaut werden. Weiter Richtung Theke, hinter den alten Balken, die nicht beseitigt werden dürfen, war der Platz für das Pferd, 2-3 Kühe, rechter Hand Schweinestall, Geflügel und eine kleine Stalltür. Daraus ergab sich die Möglichkeit für das Rundbogenfenster mit Zugang zur Terrasse. Die heutige Empore war der Raum für Heu, Stroh und andere Feldfrüchte. Der Beginn des Wohnbereichs ist (rechts) an den scheinbar alten Feldbrandstein-Mauern zu erkennen, die errichtet werden mussten, um die Größe der 2 Zimmer zu dokumentieren. Der Bereich der alten großen Wirtschaftsküche links durfte den Bedürfnissen eines Cafés angepasst werden. Die ehemalige Eingangstür für die Menschen ist an der Nordseite des Hauses zu sehen.
Für den Umbau legte die Familie Steudle Wert darauf, dass heimische Handwerker, Maurer, Zimmerleute, Schreiner, Installateure, Elektriker beauftragt wurden. Die Mauern hatten kein Fundament, nur eine dünne Kiesschicht und der Fußboden war gestampfter Lehm. Die Außenmauern durften nur stückchenweise abgerissen und mit Fundament versehen aufgebaut werden. Es wurden jedoch kleine Änderungen, wie die großen Fenster und die Dachgauben erlaubt. Es wurde ein heller freundlicher Raum, in dem wieder Kuchen und Torten angeboten werden sollten, die vom Sohn der Familie, Konditormeister Jochen Steudle, in der Backstube in Geldern hergestellt werden.
Alles war bereit für die Eröffnung zum 1. September 2006. Einen Tag vor der Eröffnung wurde durch einen Brandanschlag der ganze Gastraum schwer beschädigt. Viele hätten jetzt aufgegeben, jedoch nicht die Familie Steudle. Bereits am 2. November 2006 konnte das „Landcafé Steudle“ eröffnet werden und es wurde sehr gut angenommen. Schon nach kurzer Zeit war es sinnvoll Plätze zu reservieren, denn das Café verfügt nur über max. 60 Innenplätze. Auch die ewige Baustelle Meiersteg konnte die positive Einstellung der Besitzer nicht trüben „und wenn Corona vorbei ist, gibt es auch wieder das Buffet und das Café wird auch wieder geöffnet“. Ich lerne daraus: Optimismus hält jung.
Hoffentlich gibt es bald wieder Samstag, Sonntag und an Feiertagen von 09.30 - 12. 00 Uhr das reichhaltige Frühstücksbuffet. Täglich, außer Dienstag, gibt es dann wieder von 14.00-18.00 Uhr Kaffee, Torten, Kuchen - auch zum Außerhausverkauf - und kleinere Gerichte. Was gibt es schöneres, als auf der großen Sonnenterrasse ein selbstgemachtes Eis zu genießen? Natürlich besteht dann auch wieder die Möglichkeit nach Absprache für kleinere Gesellschaften Sondertermine zu vereinbaren.  

 

 

Günter Wochnik

 

 

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2021-02-28

Der Geschichtsstein in Hartefeld

„Wenn ich einen Stein vor mir habe, muss ich den zunächst überall anfassen. Der Stein sagt mir dann, was aus ihm entstehen soll“ so der Steinmetzmeister Josef Kleinmanns aus Nieukerk.
Heraus kommen dabei Grabsteine mit besonderer Aussagekraft, aber gelegentlich auch Steine, bei denen er eine andere Bestimmung empfindet.

Daher trat er 1996 mit folgendem Projekt an den Heimatverein heran: „Ich habe einen Serpentin, in den ich ein fortlaufendes Schriftband einschlagen möchte. Ich schenke euch den bearbeiteten Stein, wenn ihr mir genügend freien Text zusammenstellt. Dann geben wir den Stein wieder an anderem Ort der Natur zurück.“

Wir fanden die Idee toll und unsere Mitglieder Elisabeth Görtz und Werner Kiesel machten sich an die Arbeit, die Geschichte von Hartefeld-Vernum aufzuschreiben. Josef Kleinmanns „meißelte unsere Geschichte in Stein“ und 1998 konnte der Serpentinfindling in einer kleinen Feierstunde der Stadt Geldern übergeben werden. Seither steht er an der Ecke Dorfstraße – Woltersweg.

Für alle, die sich in unserer schnelllebigen Zeit nicht der meditativen Mühe unterziehen möchten die Buchstaben zu Worten, zu Aussagen zu erarbeiten, hier der Text:

Hartefeld

Im 13. Jahrhundert erstmals als Hirtenveld oder Hertenveld erwähnt, ist Honschaft der Vogtei Gelderland. 1387 in einer Steuerliste werden acht Siedlungen genannt. Vor 1460 erbauen die Bewohner Hartefelds und Vernums eine Kapelle zu Ehren des heiligen Antonius. 1460 schenkt Herzog Arnold von Geldern den Einwohnern Hartefelds und Vernums 10  holländische Morgen Land für den Unterhalt der Antoniuskapelle. Um 1595 wird dieses Land nicht mehr bewirtschaftet. Die ehemals acht Häuser oder Wohnstätten sind durch das Kriegsvolk in Geldern abgebrochen und verbrannt worden. Ab 1626 beginnen die Arbeiten zum Bau der Fossa Eugeniana und nord - ostwärts Hartefelds wird eine Schanze errichtet. 1635 die Kroaten überfallen Hartefeld. Ausbruch der Pest die viele Menschen dahinrafft. 1657 erster Hinweis auf Schulunterricht in einem Bauernhaus. 1750 westlich der Kapelle entsteht eine  Küsterwohnung mit Schulzimmer. Ab 1754 gehen die Vernumer Kinder zur Schule nach Hartefeld. 15. Juni 1804 die Kirche in Hartefeld wird von Nieukerk abgepfarrt und erhält eigene Pfarrrechte. 1. Juni 1812 Grundsteinlegung der Pfarrkirche. 1818 Einwohnerzahl Hartefelds 318. 1822 Bau des Pastorats.
1827 Neubau Küsterei und Schulzimmer. 1830 errichtet man in Hartefeld einen Schulneubau. 1843 Hartefeld hat 359 Einwohner. 1845 die Kaplanei wird erbaut. 1892 14 Bauern aus Hartefeld, Vernum und Poelyck gründen die Molkereigenossenschaft Vernum zu Hartefeld und Neubau des Molkereigebäudes.
1893 gründen Bürger aus Hartefeld und Vernum den Spar- und Darlehnskassenverein Vernum zu Hartefeld. 1894 die Kirche wird vergrößert. 1901 erhielt die Kirche ihren Turm. 1908 gründen die Bürger aus Hartefeld und Vernum die freiwillige Feuerwehr. 1914 legt man im Süden Hartefelds die “Bahnekull” an, die vorgesehene Eisenbahnlinie darf nach Ende des 1. Weltkrieges nicht eingerichtet werden. 01.12.1946 die Gemeinde Vernum mit Sitz in Hartefeld bekommt eine eigene Amtsverwaltung. Die erste Amtsstube ist in der Gaststätte Forthmann. 1951 Bau des Gemeindehauses. 1953 Neubau der Schule heutiges Jugendheim und Kindergarten. 1961 erhält die Gemeinde Vernum ihr eigenes Wappen. 1966 Bau des Rathauses. Ein neues Schulgebäude mit Turnhalle wird hinter der alten Schule erbaut. Seit 01.07.1969 ist die Gemeinde Vernum in 2 Ortschaften aufgeteilt. Hartefeld wird Ortschaft im Stadtgebiet Geldern und trägt seitdem die Bezeichnung Geldern-Hartefeld. 1970 die kath. Kirchengemeinde richtet einen Kindergarten für 30 Kinder ein. 1995 haben 1793 Einwohner ihren Wohnsitz in Hartefeld. 1997 errichtet der Heimatverein Hartefeld-Vernum e.V. im 6. Jahr seines Bestehens diesen Geschichtsstein.

Material des Steines: Seroentin Findling
Bestandteile: Feldspat - Quarz - Glimmer
Gewicht: ca. 1,8 t
Gefüge: dicht, metamorphores Gestein durch Wasser geglättet
Bearbeitung: Bruch rauh
Schrift: vertieft und erhaben eingeschlagen
Fundort: Italienische Schweiz
Steinmetzmeister: Josef Kleinmanns

Heimatverein Hartefeld / Vernum e.V

PS.: nach weiteren Recherchen kommt Hartefeld 1444 urkundlich zuerst als Hirtenveld vor. W. K.

2021-02-14

Urkunde Vernum - Hartefeld

Liebe Mitbürger

 

Vor ca. 25 Jahren bekam ich von dem am Niederrhein bekannten Sammler und Hartefelder Urgestein Johannes Kisters (verstorben) eine „Chronik“ der Gemarkung Vernum geschenkt.
Ich kenne weder den Verfasser, noch wer diese „Chronik“ aufgelegt hatte. Auch die Auflagenhöhe ist mir nicht bekannt. Wie ich feststellen konnte ist sie jedoch nicht sehr bekannt. Daher möchte ich Ihnen zumindest eine Abschrift des Textes zur Verfügung stellen.

Die in der „Chronik“ angegebenen Daten, Personen, Orte und Fakten, Schreibweise dürfen von mir folglich nicht verändert werden. Auch Kommentare und Interpretationen erscheinen mir nicht zulässig. Lediglich die Schrift ist von mir verändert worden; ich füge jedoch zwei Bilder bei, damit Sie - lieber Heimatfreund - einen besseren Eindruck vom Original gewinnen können.

Einen Hinweis muss ich doch geben. Es muss sicherlich „terra sigillata“ heißen.

Günter Wochnik


Vernum – Hartefeld

 

Hoogpoelyck Leegpoelyck Heiderp Dypt Neufeld Baersdonk Kengen

In dem engen Rahmen dieser Kurzchronik können natürlich nur die wichtigsten geschichtlichen Ereignisse Erwähnung finden. Der Sinn dieser Handschrift soll es sein, der Allgemeinheit, dem Besucher und vor allem unserer Jugend die altehrwürdige Heimatgeschichte nahezubringen.
Prähistorische Funde, wie z.B. die Steinbeile aus der Gelderner- und Holthuysener - Heide sowie das Bruchstück eines spitznackigen Beiles auf dem Grundstück von Krachs beweisen, dass unsere engste Heimat schon in der Jungsteinzeit vor etwa 3000 Jahren teilweise besiedelt war. Die vielen Schlackenfunde in Hartefeld, Vernum und in Leegpoelyck weisen auf das letzte vorchristliche Jahrtausend der sog. Eisenzeit hin. Als die Römer im letzten vorchristl. Jahrh. an den Niederrhein kamen, fanden sie hier eine keltisch-germanische Mischbevölkerung, die „Cugerner“ vor. Die Römerzeit, die bedeutendste Epoche der Frühzeit, hat auch bei uns ihre Spuren hinterlassen. So wurden zwischen Ravens- und Ottenhof Urnen, in Heiderp südlich von Nevenhof zahlreiche römische Scherben aus „terra - fillilata“ und ebenso in Hoogpoelyck gefunden, die auf eine römische Ansiedlung schließen lassen. Im Gastendonker Feld wiederum waren es 91 Münzen, ein Krug und viele Teilstücke. Am Boschwall in der Poelyck- Holthuysener Heide konnte man u.a. zwei Begräbnisstätten aufdecken. Doch erst mit Verfall der römischen Herrschaft am Rhein um das Jahr 400 n. Chr. und mit der Landnahme der germanischen Völkerschaft der Franken, ab 5. Jh., beginnt unsere eigentliche Heimatgeschichte.
Unsere ältesten Höfe, wie auch ringsum die alte Vogtei, liegen alle am Abhang, zum Bruch, also dem Wasser zu; was eindeutig Siedlungsart und Ursprung in frühfränkischer Zeit bezeugt. Mit Karl dem Großen, 742 - 814, tritt auch unsere engste Heimat in das Blickfeld der Geschichte. Anno 812 wird die Vogtei Gelderland erstmals urkundlich erwähnt, 843 kommt das linksrheinische Gebiet an Lothar und wird Lothringen um dann 925 unter Heinrich I. dem Deutschen Reich einverleibt zu werden.
Die heutige Gemeinde Vernum bildete mit den Honschaften (Hundertschaften) Winternam, Eyll, Stenden, Schaephuysen, Rheurdt und Sevelen seit alten Zeiten die Vogtei Gelderland. Dieselbe war wiederum der Kern des Gelderlandes, welches 1079 zur Grafschaft und 1339 zum Herzogtum erhoben wurde. Dazu gehören vier Verwaltungsbezirke, sog. Quartiere, die nach ihren Hauptstädten Nymwegen, Arnheim, Zütphen und Roermond hießen. Das Amt Geldern mit der Vogtei bildete einen Teil im Oberquartier Roermond, Vernum, früher Virnhem, kommt erstmals in einer Schenkungsurkunde aus dem Jahre 1201 vor, als „Graf Otto van Gelre“ einen Wildberg dem Kloster Bedburg schenkte, was ein „Everhardus de Vernoen“ bezeugte. Der Ortsname bedeutet etwa „vier Heime oder Anwesen“; die Endsilben hem, en, om und um sind eine frühe Form des fränkischen Wortes für Heim. 1331 war ein „Johann van Vyrnem“ Schöffe in Geldern und 1336 bezeugten die vereidigten „Laten van Vernhem“, dass das Gut Vernhem Erbe Dederic van Aldenhaven sei. Hartefeld wird 1387 mit Hirteveld erwähnt. Den Namen einfach mit Hirschfeld zu deuten, ist vermutlich unrichtig; vielmehr deutet der Name auf das keltische Wort Hard, was soviel wie Anhöhe heißt. Ebenso kommt der Name Poelick aus dem Keltischen und bedeutet etwa „Gehöft an der Wasserpfütze“. Nach einem Honschaftsregister des 14. Jahrhunderts zählte die Honschaft insgesamt 22 Höfe. Als „feste Häuser“, also als Rittersitze sind Mönsterhof, Grotelaers und Ravenshof nachgewiesen.
Kulturelle Keimzelle für unser Gebiet und weit über den Niederrhein hinaus wurde die 1123 gegründete Zisterzienserabtei Kamp. Ihr ist auch der Ursprung der Holthuysener Brigitta – Kapelle zuzuschreiben. Aus dieser Zeit stammt vermutlich nur noch der Bildstock. Der heutige Backsteinbau wurde 1755 erbaut, als die „heete korts en den buikloop“, das hitzige Fieber und die Ruhr herrschten. Unserer Pfarrkirche ging die Errichtung einer St. Antonius - Kapelle im Jahre 1460 voraus Herzog Arnold von Geldern u. Jülich aus dem Hause Egmont schenkte der Kapelle zehn holländische Morgen Landes in Neufeld zu deren Erhaltung. Seitdem 15. Juni 1804 ist Hartefeld selbständige Pfarrei. 1812 war dann die Grundsteinlegung zur neuen Kirche. Daraus ist auch die stärkere Entwicklung Hartefelds als Pfarrort gegenüber den anderen Gemeindeteilen zu erklären.
Alle Kriegs- u. Notzeiten hier aufzuzählen ist nicht möglich, doch sahen unsere Altvorderen im Laufe der Jahrhunderte Holländer, Spanier, Franzosen, Kroaten und andere Kriegsvölker. Viele Seuchen (woraus sich auch das St. Antonius - Patrozinium erklärt), manche Drangsal und Schrecken waren besonders während der Religionskriege des 16. Jahrh. und des 30-jährigen Krieges zu erdulden, der unsere Heimat zeitweise fast entvölkerte. War das Gelderland 1079 noch selbständig, so kam es 1371 an das Herzogtum Jülich und Kleve, 1482 an Österreich u. dann bis 1543 an das Königreich Burgund. Ab 1543 wechselte der Besitz zwischen den Niederlanden (Generalstaaten) u. dem Königreich Spanien. Zeuge dieser Zeit ist die Fossa Eugeniana, die Rhein und Maas verbinden sollte. 1713 von Preußen erobert, wurden wir 1795 französisch besetzt, um 1801, im Frieden von Luneville, mit dem gesamten linksrheinischen Gebiet Frankreich einverleibt zu werden. Das Gebiet unterstand damals dem Roer - Departement. Die Befreiung von der franz. Herrschaft wurde am
11. April 1814 gefeiert. Bei der sich bildenden politischen Gemeinde gehörte Vernum mit seinen Orten zur Bürgermeisterei Sevelen und bis 1946 zum Amt Sevelen, um dann selbständige Gemeinde zu werden.
Unsere Einwohnerschaft, in Sprache und Wesen dem Holländischen stark verwandt, war immer überwiegend bäuerlich mit einer alteingesessenen Handwerkerschaft. In der Neuzeit hat das nahe Industriegebiet vielen, besonders Neubürgern Arbeit und Brot gegeben. Im Großen und Ganzen konnte aber bei uns neben dem einzigartigen Reiz der Landschaft auch das Alte bewahrt werden. Neues hingegen schuf Fleiß und Unternehmergeist der Einwohnerschaft gepaart mit der planenden Arbeit von Rat und Verwaltung. So konnte die Kanalisation und Wasserversorgung durchgeführt und eine 6 klassige neue Schule erbaut werden. Zum Gemeindegebiet gehört ein Straßennetz von rund 40 km. Mit einer Einwohnerschaft von rund 1950 Seelen möge unser heute blühendes Gemeinwesen weiterschreiten auf dem Wege einer glücklichen Entwicklung.

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